Der innere Kritiker

Tag 27-28 Mittwoch und Donnerstag

Oh nee, nicht noch ein Bewohner. Mein inneres Kind und seine Bedürfnisse reichen mir eigentlich schon. Jetzt auch noch dieser Kerl, mit dem man sich beschäftigen sollte… Jetzt ist doch mal genug.

Oder doch nicht?

Durch den Kontakt mit M. bin ich an das Buch: „So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen. Sich annehmen. Freundschaft mit sich schließen, den inneren Kritiker zähmen“ gekommen. Ich habe es ziemlich in einem Rutsch durchgelesen. Sind auch nur 140 Seiten. Das Ganze ist als Übungsbuch gedacht. Das heißt man darf es zu Beginn schnell lesen, dann sollte man oder frau sich aber über drei Monate täglich 30 Minuten Zeit nehmen, um in dem Buch zu lesen und damit zu arbeiten. Puh… Ist das realistisch?

Die mögliche Erkenntnis nach dieser Dompteurleistung mit dem inneren Kritiker ist natürlich bestechend:

An dir ist nichts verkehrt, auch wenn du das Gefühl hast, mit dir stimme etwas nicht.

Du bist liebenswert – auch wenn du nicht perfekt bist.

Der Test im Stressseminar hat gestern folgende Antreibersätze für mich (nach den Erfahrungen der letzten Wochen nicht sehr überraschend) zum Vorschein gebracht:

Sei beliebt!

Sei perfekt!

Das impliziert als Aufforderung natürlich immer die Tatsache, dass ich es nicht bin. Ja, mein Verstand weiß, dass es niemand perfekt sein kann. Aber Dank dem vorlauten Kritiker sind die Gefühle immer schneller.

Ich wage mich an das Thema. Auch wenn mir die Übungen echt schwer fallen werden. Beispielübung 15: Sag zu dir: Ich mag dich … dann sag dir fünf Dinge auf, auf die du stolz bist oder die du an dir magst… Wow.

Die Gespräche mit M. fordern mich zum Umdenken auf. Allerdings weiß ich nicht, wie M. die Umsetzung für sich schaffen will, wenn sie auf andere schaut.

Die andere M., die mit mir angereist war und auch fünf Wochen bleiben sollte, ist heute vorfristig abgereist. Ich hatte mich aus dem Kontakt zurückgezogen, nachdem es ihr so schlecht ging und sie mir auch unterschwellige Vorwürfe gemacht hatte. Wir saßen immer noch am Tisch nebeneinander. Meist kam nur eine oberflächliche Unterhaltung zu Stande. Mein übliches Verhalten wäre gewesen, sie weiter aktivieren oder auch kontaktieren zu wollen. Das habe ich bewusst unterlassen. Trotzdem hatte ich ihr gestern eine nette kleine Karte zum Abschied geschrieben.

Heute bekam ich ebenfalls eine mit folgenden Worten ins Postfach: „… gerne hätte ich dir mehr von meinen anderen Seiten gezeigt, die auf der Vorderseite nicht vermerkt sind, doch du konntest nicht stehenbleiben, um sie zu sehen. Danke für unsere ersten Gespräche …“ Die Karte hatte ich ihr, als Katzenliebhaberin, am Anfang der Reha geschenkt. Sie zeigt die vielfältigen Ausdruckmöglichkeiten der Stubentiger und ist das Bild von heute (und ebenfalls von http://www.juniemond.wordpress.com).

Damit muss ich klarkommen. Ich hatte mich gegen die Beziehungsarbeit entschieden, dann muss ich auch mit Kritik rechnen. Aber es ging nicht so tief wie befürchtet. Vielleicht weil ich auf mich gehört hatte und nicht ihr Wohlbefinden in den Vordergrund gestellt haben. Ich konnte sie nicht anschieben und wollte es dann auch nicht mehr. Die Energie habe ich für mich benötigt.

“Das ist egoistisch. Hast du nicht gesehen, wie schlecht es ihr ging?”

“Doch, habe ich. Aber ich bin hier, weil ich lernen will, mich um mich selbst zu kümmern. Und für dich vorlauten Kerl finde ich auch noch den richtigen Platz.”

Praxistest für (neue) Muster

Tag 25-26 Montag und Dienstag

Mein Selbstwertgefühl ist im Wochenende stecken geblieben. Oder es kam mir am Montagmorgen im Frühstücksraum abhanden. Eine Frau begrüßte mich mehr als zurückhaltend und auch in der Gruppe der Aquafitnessleute fühlte ich mich isoliert und nicht zugehörig. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich am Freitag nicht mit zum Tanzen war, da hatte ich mich für das ruhige Gespräch mit D. entschieden. Fehler? Keine Ahnung. Mir war nicht nach Party. Grundsätzlich habe ich immer mehr von direkten 1:1 Kontakten mit anderen Menschen. Außerdem gab es ein paar interessante Parallelen in seinen und meinen Problemlagen. Er tickt ganz ähnlich. Dazu kommt, ich fühle mich selten in Gruppen wirklich wohl. Es ist immer anstrengend für mich. Daher war der ruhige Abend in der Kneipe einfach die passendere Wahl. Aber die Partyerfahrungen der anderen fehlten mir und diese Gruppe hatte dadurch noch enger zusammengefunden. Ich blieb weiterhin außen vor.

Am Montagnachmittag war ich mit zwei Frauen in einem ca. 15 km entfernten Kurort. Eigentlich wollte ich dort allein hinfahren. Weil die beiden aber nach der Ergotherapie fragten, ob wir zusammen einen Kaffee trinken wollen und ich mich eh schon so ausgegrenzt gefühlt habe, habe ich sie zur Fahrt eingeladen. Dabei wollte ich mir die Saline in Ruhe ansehen und eigentlich keinen Stadtbummel machen. So haben wir beides versucht und irgendwie kam auch beides zu kurz. Die Lebensgeschichte der einen Frau aber war wirklich spannend und ich fand es faszinierend, wie sie sich optisch verändert hat, wenn sie lachte. Als wir ganz knapp vor dem Abendessen zurück zur Klinik kamen, bewegte sich eine riesen Gruppe gerade zum Abschiedfeiern in die Kneipe. Ich war nicht eingeladen. Ich gehörte ja auch nicht dazu. Mich fragte dann noch jemand, ob ich auch käme, aber da hatte ich innerlich schon damit abgeschlossen. Trotzdem blieb das schale Gefühl ein Außenseiter zu sein und ich grenze mich natürlich auch selbst wunderbar damit aus.

So ging ich in den Abend und traf mich mit D. Wir landeten in der gleichen Kneipe, wie die, die Abschied feierten, blieben aber beide bewusst im Freien sitzen. Ab und an gesellte sich ein Raucher dazu, aber wir haben zur Gruppe Distanz gehalten. Dann erzählte mir D., dass die Frau, die mich am Morgen geschnitten hatte, auch ihn nun ignoriert, obwohl sie eigentlich einen sehr intensiven Gesprächskontakt hatten. Das brachte mein emotionales Fass zum Überlaufen. Ich hatte den Flashback zurück in meine Schulzeit. Auch dort gab es diese Mädchenspielchen, die ich nie durchschaut habe und in die ich auch nie gepasst habe. Dieses elende Schmollen und Ausgrenzen. Schon immer konnte ich mich gut mit Jungs und später mit Männer verständigen. Und schon immer gab es dann Mädchen und später Frauen, die darauf heftig reagiert haben.

Ich habe an dem Abend jedoch definitiv überreagiert und gesagt: „Hätte ich gewusst, dass da Besitzansprüche ins Spiel komme, dann hätte ich keine Gespräche mit dir geführt.“ Zu Recht hat das D. getroffen. Wir sind dann mit anderen zur Klinik zurück und D. hat später per WhatsApp den Kontakt mit mir für beendet erklärt. Puh. Das saß. Kontaktabbruch ist doch mein Muster! Ich habe noch geantwortet, dass ich das so per WhatsApp nicht akzeptiere, wenigsten ein kurzes Gespräch noch möchte und mich auch entschuldigt für meine Reaktion. Er las es nicht. Die Nachricht konnte nicht zugestellt werden. Somit war entweder das Handy aus oder mein Kontakt gelöscht. Ich hatte nicht einmal die Chance bekommen, mich zu erklären.

Beruhigt sah ich am nächsten Morgen, dass D. die Nachricht zumindest gelesen hatte. Eine Antwort bekam ich allerdings nicht.

Eigentlich wollte ich am Dienstag ein Thema in die Bezugsgruppe einbringen. Vor dem Abendeklat hatte ich in aller Ruhe mir die wichtigsten Stichpunkte zusammengeschrieben. Aber mit dem völligen Zusammenbruch meines Selbstwertgefühls und dem Flashback zurück in meine Jugend, konnte ich kaum etwas sagen in der Gruppe, geschweige denn mein Thema diskutieren lassen. Das tat dann überraschenderweise M. Sie beschrieb mit ihrem Problem genau mich. Sie reagiert anders. Während ich meine Fassade hochziehe, mimt sie die Fröhliche und kümmert sich um alle. Aber das zu Grunde liegende Muster ist die gleiche: Ablehnung der eigenen Person. Das nicht spüren können, dass man passt, so wie man ist. Sich selbst zu mögen. Gut und gnädig zu sich selbst zu sein. Lob spüren zu können. Nicht nur (vermeintliche) Kritik.

Ich bedankte mich bei M. für ihren Mut und ging komplett aufgewühlt in die Kommunikative Bewegungstherapie. Dort waren D. und auch die Frau, die scheinbar in Konkurrenz zu mehr steht, Teilnehmer der Gruppe. Das Ungeklärte stand im Raum und war für mich fast greifbar. Aufgabe der Stunde war an Hand von frei zu wählenden Materialien pantomimisch zu erklären, wie wir hergekommen sind, was wir hier bekommen haben, was wir hier lassen wollen und was wir mitnehmen. Was ich hier erfahren habe, ist wieder ein Gespür für mein Wohlbefinden und für meine Geborgenheit. Ich weiß, wie ich es bekomme, woher ich es nicht mehr bekomme (von meinen Eltern) und wie gut es tut. Mich hat es emotional so aufgelöst, dass ich den Raum verlassen musste. Ich wollte vor den anderen nicht weinen, war aber so unendlich traurig. Ich konnte jedoch nach ein paar Minuten in den Raum zurückkehren und weiter an der Stunde teilnehmen. Das war eine ganz wertvolle Erfahrung, denn die Gruppe sollte für jeden Teilnehmer das zusammenstellen, was er oder sie für den weiteren Weg benötigt. Das hat in meinem Fall dazu geführt, dass die Gruppe mich in mehrere Decken gewickelt hat und ich ganz viel Wärme und Nähe der Gruppe gespürt habe. Die Frau, die in die Distanz zu mir gegangen war, blieb auch während der Übung mit einer anderen dort. Aber das war nicht entscheidend für das Gefühl des Angenommenseins. Der Therapeut begleitete es in der Auswertung mit den Worten: „Sie wissen was Sie brauchen. Sie können es zeigen und Sie haben es bekommen. Trauen Sie sich.“ Vollständig geflasht von den Emotionen, wollte ich nur zurück in mein Zimmer, um mich wenigstens bis zum Mittagessen wieder beruhigt zu haben. Da sprach mich D. noch an, wie es mir geht und wann wir reden wollen. Das war dann endgültig zu viel an Zuwendung und ich bin in mein Zimmer geflüchtet. Halbwegs wieder hergestellt, ging ich zum Mittagessen. Ich lief M. über den Weg, die mir genau ansah, was in mir seit der Gruppenstunde passiert war. Wir lagen uns direkt vor dem Speisesaal heulend in den Armen und es war mir scheißegal, wer mich dabei sah. Sie fühlte sich sofort verantwortlich für meine Gefühle (wie gut ich das nur kenne…) und wir bestätigten uns gegenseitig in Tränen aufgelöst, dass es ok ist, wie wir sind und wir in den Kontakt miteinander gehen sollten.

Alle weiteren Termine für den Nachmittag habe ich abgesagt. Ich bin zu der kleinen Manufaktur im Ort gelaufen. Dort gefiel mir schon seit Tagen ein Ring mit einem bestimmten Muster. Jetzt wird er für mich in meiner Größe und in einer bestimmten Form individuell angefertigt. Bis zu meiner Abreise wird er fertig sein und vielleicht funktioniert er als Erinnerung an meine Muster und auch als Erinnerung an meinen Wert.

Mit D. hatte ich später ein langes Gespräch im Cafè. Er hat meine Entschuldigung akzeptiert, seine Reaktion erklärt und wir halten den Kontakt. Ich habe beschlossen, ich ziehe mir die Jacke mit der anderen Frau nicht an. Es hat nichts mit mir zu tun. Ich muss mich nicht zurückziehen, damit es dem anderen besser geht. Kontaktabbruch ist nicht die Lösung für alle schwierigen Situationen. Für mich war es schon immer möglich, mit Männern befreundet zu sein ohne irgendwelche weitergehenden Interessen. Ich liebe meinen Mann. Aber deswegen keinen besten Freund zu haben, kam mir noch nie in den Sinn. Wir haben das gestern auch noch diskutiert. Alle waren verwundert, dass mein Freund mich hier am letzten Wochenende besucht hat und ich letztes Jahr lange in den Alpen mit ihm allein unterwegs war. Das wäre sehr außergewöhnlich. Für mich ist es das nicht. Es ist für mich normal. Diese Normalität im Umgang mit anderen Menschen, unabhängig von deren Geschlecht, ist mir jedoch irgendwie erst jetzt bewusst geworden. Ich möchte sie behalten. Allerdings schätze ich das Vertrauen meines Mannes (und meines auch ihn) nach diesem Gespräch deutlich mehr. Also wenn du es liest: „Danke, für diese sichere Basis unserer Beziehung. Ich liebe dich.“

Besser als gedacht

Tag 22-24 Freitag bis Sonntag

Jetzt rennt hier die Zeit. Freitag war nur ein halber Rehatag mit Bezugsgruppe, Ergotherapie und Entspannung mit Klangschalen. Darauf hatte ich mich richtig gefreut. Meine erste Erfahrung mit den Klangschalen in der letzten Woche war ein voller Erfolg. Am Abend danach war ich vollkommen beschwerdefrei und bin es eigentlich seit dem immer noch. Jedenfalls im Nacken-Schulterbereich. Dagegen kämpfe ich seit einigen Tagen mit einer Zerrung in der Wade. Im Rückblick betrachtet haben die Klangschalen keine Lockerung der Beinmuskulatur gebracht – wohl aber ein echtes Entspannungsgefühl. Am Spätnachmittag bin ich dann wieder in das Waldbad gefahren. Ich hatte ein paar Leute zum Mitkommen überreden wollen, aber alle hatten noch Nachmittagstherapien. Egal. Ich hatte mir einen neuen Krimi auf den Reader gezogen und bin zum Schwimmen. Leider vertrieb mich eine dunkle Wolke vorzeitig. Heftige Windböen hatten fette Äste auf die Straße geworfen und ich war froh, ohne Probleme zurückgekommen zu sein. Am Abend zog eine Gruppe in die ortsansässige Disko. Das Wetter war aber zu schön für einen Keller und ich habe mich für ein Bier in der Kneipe mit Burgblick entschieden. Mit D. saß ich in der Abendsonne und wir hatten ein recht offenes und persönliches Gespräch über die Gründe, die uns hierher geführt haben. Jedenfalls so offen, wie es zwei Typen wie uns möglich ist. Leider hatten wir dann kurz vor Mitternacht noch Hunger. No way in diesem Ort. Also verspeiste ich die letzte Birne in meinem Zimmer und ging irgendwie hungrig zu Bett.

Samstag kam dann mein bester Freund für ein kurzes Wochenende vorbei. Wir hatten eine schöne Runde über den Rennsteig und hätten es auch fast trocken bis zum Auto geschafft. So sind wir noch einmal richtig nass geworden. War aber egal. Das Wetter hatte viel besser gehalten, als alle Prognosen es vorhergesagt hatten und es war warm. Vollgefressen nach einem leckeren Abendessen war das langweilige, taktische Spiel der Portugiesen gegen die Kroaten eine einschläfernde Partie.

Auch am Sonntag hatten wir blauen Himmel und Sonne beim Aufstehen, eine trockene Wanderung und mit der Wartburg auch noch Kultur vom Feinsten. Das 3:0 der deutschen Mannschaft gegen die Slowakei rundete den Tag ab. Perfekt mit einem guten Freund an der Seite und vielen dummen Sprüchen in der Gruppe beim Fußballgucken in der Kneipe. Ist ein bisschen Ferienlagerstimmung aufgekommen. So macht das Leben Spaß.

Sunshine, Sunshine Reggae

Tag 21 Donnerstag

Jetzt bin ich drei Wochen hier. Vor der Reha hatte ich gedacht: „Fünf Wochen? Was soll ich fünf Wochen dort? Ich versuche nach spätestens vier wieder nach Hause zu kommen.“ Mittlerweile habe ich fast Panik, dass in zwei Wochen alles vorbei ist und ich im Alltag bestehen muss. Außerdem ist endlich das Wetter perfekt. Gut, der Sommer hat die Zwischentemperaturen ausgelassen. Sie sind direkt von 17 auf 33 Grad geschnellt, aber die Sonne und Wärme sind herrlich. Jedenfalls wenn man Zeit hat, sie draußen zu genießen. So langsam merke ich auch den Erholungseffekt und eine gewisse Leichtigkeit im Sein, mehr Genuss weniger Muss. Blöder Schüttelreim. Aber er trifft das Gefühl von Sonnenbrille auf, Fenster runter und sich den warmen Fahrtwind um die Nase wehen lassen.

Da sich hier die eher psychologisch orientierten Therapietage mit den körperlich aktiven Sporttagen abwechseln, hatte ich heute einen echt schweißtreibenden Tag. Morgens eine Schlammpackung. Schön in Folie eingewickelt, schwitzte ich 20 Minuten wie in einem Dampfgarer vor mich hin. Dann 20 Minuten Pause und einen Block im Fitnessraum. Selbst der Trainer war danach komplett durchgeweicht. Also bin ich nochmal unter die Dusche. Das Mittagessen habe ich möglichst früh eingenommen, um es halbwegs bis 13:00 Uhr verdaut zu haben, da startete die Nordic Walking Runde. Zum Glück waren etliche Teilnehmer nicht so übermotiviert wie sonst und wir haben es ruhig angehen lassen. Mittlerweile stand die Sonne im Zenit und auch im Wald war es dampfig warm. Wir haben gemeinsam mit der Sportlehrerin abgekürzt und uns zum Kneippbecken verzogen. Entweder bin ich durch die häufigen Anwendungen schon abgehärtet oder die Umgebungstemperatur spielt doch eine größere Rolle. Ich schaffte problemlos drei Durchgänge. Der Erfrischungseffekt war phänomenal und im ganzen Körper spürbar. In der Klinik zurück war diese Auswirkung allerdings schon wieder Geschichte. Also kurz abgeduscht. Wieder mit Wasser und Kaffee großzügig aufgefüllt, stand ich um 15:00 Uhr vor dem Entspannungsraum. Der liegt direkt unter dem Dach des Hauses. Kein Windhauch bewegte die aufgeheizte Luft. Die Ledersessel werden zwar mit einem dünnen Fleecelaken überzogen, diese klebten aber schon nach 10 Minuten klitschnass am Körper. Nur nicht einschlafen, nur nicht einschlafen… Das ist meine größte Sorge. Bei der Einführung vor drei Wochen wurde uns gesagt, dass dies nicht das Ziel ist und wir uns wachhalten sollen bzw. geweckt werden würden. Seitdem habe ich leichte Panik wegzunicken, das stand bisher meinem Entspannungsprozess im Weg. Heute war es anders. Die Therapeutin erlaubt uns einzuschlafen und versprach, nur bei ganz störendem, lautem Schnarchen zu handeln. Was soll ich berichten? Die Entspannung mit der Technik der Körperwanderung funktionierte. Nach wenigen Minuten fing mein Bauch an zu gluckern, meine Arme und Beine waren angenehm schwer. Eingeschlafen bin ich nicht. Hatte aber diesmal auch keine Angst davor.

Jedoch danach wieder in die Bewegung zu kommen, war richtig schwer. Ich wollte heute unbedingt schwimmen, aber die Vorstellung am Abend ins ebenfalls dampfige Hallenbad zu gehen, stieß mich ab. Zum Glück habe ich jetzt ein Auto hier und bin in ein Waldbad gefahren. Das große Becken war meistens leer und ich konnte meine Bahnen im eiskalten Wasser ziehen.

Faul lag ich nach dem Abendessen im Zimmer herum. Eigentlich wollte ich noch den Post von gestern fertigschreiben. Irgendwie bekam ich die Gedanken dazu nicht lesbar dargestellt und ich dokterte den ganzen Tag schon am Text herum. Aber eine Einladung auf ein kaltes Bier, die ich erst ausgeschlagen hatte, überzeugte mich dann doch. Und der Wetterbericht. Neue Gewitter drohen und wer weiß, wann man wieder abends im Biergarten sitzen kann. Außerdem hatte ich nur noch lauwarmes Wasser im Zimmer, also aufgerafft und nette Gespräche bei eiskaltem (alkoholfreiem!!!) Bier gehabt. Ja, das war auch ein Stück Urlaubsfeeling.

Übrigens schrieb sich nachts der erst so sperrige Eintrag dann fast von allein…

Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

Der schmale Grat

Tag 19 Dienstag

Ich – Ego. Ego ist nicht Egoismus. Authentizität ist nicht Arroganz. Aber was ist es dann? Mir ist es unglaublich schwer gefallen, das Ich-Bild zu verwenden, obwohl es mir für den heutigen Post als erstes in den Sinn kam. Mich in den Mittelpunkt zu stellen. Wer ist „Ich“? Wer bin ich? Was will ich?

Diese Fragen ploppten nach der Kommmunikativen Bewegungstherapie (KBT) auf. Heute war es die 3. Sitzung. Die erste hatte mich so überraschend mit meinen Themen Wut, Schuld und Scham konfrontiert, dass ich emotional aus den Latschen gekippt bin. In den zweiten Termin bin ich dann angespannt und ängstlich gegangen. Dankbar habe ich erlebt, dass der Kontakt zu mir und mit meinem Wohlbefinden keine erneute Achterbahn der Gefühle ausgelöst hat. Für dieses dritte Treffen empfand ich nur Neugier im Vorfeld und die Lust, mehr über mich zu erfahren. Nach dem befreienden Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin letzte Woche und dem perfekten Wochenende zu Hause war ich voller Energie und offen für Neues.

Das Thema Konflikte und zwei Übungen dazu standen auf dem Programm. Die erste Aufgabe bestand darin, auf einem schmalen Grat unterwegs zu sein. Zwei Personen laufen auf einander zu und der Platz reicht nicht, um sich mit Abstand zu begegnen, so dass jeder sicher seinen Weg fortsetzen kann. Eine Option war das Gegenüber vom Grat zu schubsen, die andere Lösungsmöglichkeit bestand darin, gemeinsam – ohne Worte – im Kontakt an einander vorbei zukommen. Jemanden aus den Weg zu räumen, war weder für mich noch, soweit ich es beobachten konnte, für irgendjemand anderen eine Option. Am meisten Sicherheit empfand ich in den Begegnungen, die mit einem hohen Maß an Körperkontakt stattfanden. Keine große Überraschung eigentlich. Allerdings kann ich mich nicht gut umarmen lassen, wenn es mir nicht gut geht. Genau dann, wenn ich doch die Berührung und die damit verbundene Sicherheit am meisten benötige.

Noch interessanter war meine Beobachtung, dass ich mich zu den Personen, die ich als unsicher, schwächer eingeschätzt habe, nach der Begegnung umgedreht habe. Ich bin selbst ein Stück rückwärts gelaufen, um sehen zu können, wie der andere sicher seinen Weg fortsetzt. Dabei bestand durchaus die Gefahr selbst vom Grat zu fallen, denn den eigenen Weg konnte ich so nicht mehr im Blick behalten. Das ist mein Dilemma. Ich achte auf die anderen und viel zu wenig auf mich. In den Bergen ist das sich gegenseitig im Blick haben zwingend notwendig. Aber selbst da sollte man seine Schritte eigenverantwortlich lenken können. Beim Weg gelingt es mir, bei den Befindlichkeiten der anderen eher nicht. Auch nicht in den Bergen. So schön meine Alpenquerung im letzten Jahr auch war, dass ich die Unzufriedenheit und Erschöpfung meines Partners so intensiv wahrgenommen habe, hat erst enormen Frust, dann Wut in mir erzeugt und das gigantische Erleben 21 Tage über die Berge laufen zu können, deutlich geschmälert. Wie dämlich ist das doch? Ich möchte weiterhin wissen, wie es dem Gegenüber geht, aber mich nicht immer anpassen und verbiegen. Zumal gar nicht sicher ist, wie der andere darüber denkt.

Das hat mir die zweite Übung gezeigt. Wir sollten mit einem virtuellen Seil den anderen über eine gedachte Mittellinie ziehen. Unglaublicherweise kann man dabei ins Schwitzen kommen und meine ersten zwei Gegnerinnen hatten ähnlichen Spaß daran wie ich, in diesem Wettbewerb zu bestehen. Die dritte gab auf. Da blieb bei mir ein schales Gefühl. Die nächste habe ich gewinnen lassen. Nicht in dem ich aufgegeben habe, sondern weil ich daran gedacht habe, wie wenig selbstwirksam sie sich in den letzten Jahren erlebt hat. Ich wollte, dass sie sich gut fühlt. Ging komplett nach hinten los. Sie hat das gespürt und mich als die Person markiert, die es ihr deutlich zu leicht gemacht hat, damit hat sie sich abgewertet gefühlt. Pfff… Ich bin ein echter Fan dieser Therapieform geworden. Damit kapiere ich etwas. Ich darf auf mich schauen. Als erstes. Ich darf so sein wie ich bin. Als zweites. Wobei ich immer noch kognitiv an die Sache herangehe und die Gefühle ziemlich hinterher hinken. Nee. Das ist falsch. Die Gefühle sind schneller als die Gedanken. Meine Angst so zu sein, wie ich bin und damit Gefahr zu laufen, abgelehnt zu werden, hält noch den Geschwindigkeitsrekord. Aber die kleinen Erfahrungen so Stück für Stück, dass man mit einer konstruierten Fassade nicht authentisch sein kann und das Gegenüber so auch nicht ernsthaft in Kontakt mit mir kommt, lässt mich umdenken und mutiger werden.

ICH bin passend. Nicht auf jeden Menschen und nicht auf jede Situation. Aber das will ich vielleicht auch gar nicht mehr sein.

 

Kleine Schritte

Tag 18 Montag

Trotz Frühsport um 7:00 Uhr begann der Tag sehr ruhig und blieb entspannt. Viele fragten mich nach meinem Wochenende und ich konnte gnadenlos vom Konzert und dem leckeren Essen daheim schwärmen. Die Termine waren sehr weit über den Tag verteilt. So hatte ich erst um 10:00 Uhr wieder die passive Musiktherapie mit Rimsky Korsakov „Scheherazade – Geschichten aus 1001 Nacht“. Ich hatte mir diesmal keine Bodenmatte geholt, sondern war auf einem Stuhl sitzengeblieben. Mir war die Gefahr einzuschlafen zu hoch. Gute Entscheidung. Mein Nachbar schnarchte ab und an. Ich docke nicht an dieser Therapieform an. Ich sehe keine Bilder. Ich bin auch nicht aufgewühlt und nachher geht es mir genauso wie vorher. Ich reagiere eher auf Liedtexte, weniger auf rein instrumentale Stücke. Vielleicht liegt das an meiner eingeschränkten Hörfähigkeit. Vielleicht würde eine andere Therapie noch mehr Bewegung in meine Gedanken bringen. Ist das jetzt verlorene Zeit? Aber ich kann das auch gut aushalten. Für die zweite Musiktherapiestunde in dieser Woche habe ich mich allerdings schon abgemeldet. Sie ist direkt im Anschluss an meine Einzeltherapie und danach brauche ich mit Sicherheit Zeit für mich. Nächste Woche ist auch die reguläre Musiktherapeutin aus dem Urlaub zurück. Im Moment macht den Kurs eine Vertretung und die Dame ist nicht besonders gut in der Gesprächsphase. Oft kommt sie mit einer Hausfrauenpsychologie um die Ecke und ist ungeeignet, wenn es jemanden schlecht geht.

Um 14:00 Uhr war wieder Visite, diesmal mit der netten Oberärztin vom Aufnahmetag. Sie fragte mich, was man mir noch Gutes tun könne. Das fand ich einfach nur nett. Auch wenn mir nichts eingefallen ist. Mir und meinem Rücken geht es im Moment gut.

M. geht es besser. Sie tritt wieder in Kontakt mit anderen Menschen, war am Wochenende auch mit dem Blumenschenker unterwegs und wirkt insgesamt offener. Wir haben am Abend einen Runde durch den Ort gedreht und sie hat mir ein bisschen was erzählt. Es war gut für mich zu erfahren, dass sich ihre Situation auch ohne meinen Einfluss verändern kann. Ich bin nicht für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Sie war mein Übungsfeld und es ist gut gegangen. Allerdings muss man neue Erfahrungen ein paar hundert Mal machen bevor sie in ein Muster übergehen. Puh, das ist noch ein ganzes Stück Weg.