Warum dieser Blog

Ich bin 45 Jahre und seit gestern in einer Psychosomatischen Rehaklinik für mindestens die nächsten fünf Wochen.

Wie bin ich hier gelandet? Ich dachte, ich kann mit der Rushhour des Lebens umgehen und surfe locker auf den Wellen der Zeit. Jongliere problemlos Kind, Mann, Haus, Karriere und verwirkliche mich auch noch selbst mit Fotos und vielen Reisen. Zwischendrin kam schon ab und an bei mir der Verdacht auf, dass es zu viel ist. Aber alle Untiefen konnte ich umschiffen und war höchstens unausstehlich gegenüber meinem Mann und meinem Sohn. 2012 hatte ich schon einmal eine Phase in der es mir nicht gut ging. Ich war seltsam losgelöst von mir, konnte mich von außen sehen, ohne wirklich etwas zu fühlen. Aber nach ein paar Wochen war es ohne professionelle Hilfe vorbei und ich war wieder kongruent mit mir. Vorgewarnt durch meine beste Freundin, die an einer #Depression erkrankt war, habe ich einen Gang runtergeschaltet und meine Freunde und Kontakte neu sortiert. Alles gut.

Krank werden andere. #Burnout ist Mode geworden. Jeder der #Stress hat, hat plötzlich einen Burnout. Das passiert doch mir nicht. Ich schaffe alles. Ich habe eigentlich immer alles geschafft. Man oder frau muss nur wollen. Jammern gilt nicht. Alles eine Frage der Planung. Wenn etwas fertig war, kein Innehalten, sondern mit Vollgas ins nächste Projekt. Den Flow habe ich genossen. Nach dem Prinzip: „Wenn’s läuft, hält mich keiner.“ Mit einem Grinsen im Gesicht noch mehr Gas gegeben.

Eng wurde es immer dann, wenn das Leben meine Planung durchkreuzt hat. Mein enggestrickter Zeitplan vertrug kein krankes Kind, keine ungeplante Dienstreise, keinen unerwarteten Besuch.

Meine Rushhour des Lebens waren die letzten 15 Jahre.

2000 wurde ich Mutter von unserem Wunschkind – nicht ganz 8 Wochen nach der Entbindung haben ich von Zuhause aus mit 10 Stunden mein Lieblingsprojekt weiter betreut. Als unser Sohn vier Jahre alt war, haben wir ein altes Haus gekauft, komplett entkernt und in Eigenregie in Stand gesetzt. Eigenregie meint auch wirklich in eigener Arbeit. Mein Mann hat täglich nach 8 Stunden im Büro noch bis 22 Uhr auf der Baustelle geschuftet. Ich war die Organisatorin der Baumittel, des Geldes und des alltäglichen Lebens. Es ist ein wunderschönes Haus und unser Zuhause geworden. Urlaub gab es immer – aber auch immer offene Baustellen.

2011 verstarb plötzlich mein Vater mit 67 Jahren. Er hinterließ eine depressive Witwe und ein vollgestopftes Haus in dem seit seinem Bau 1927 niemand etwas weggeworfen hatte und dessen Besitzverhältnisse seit 25 Jahren ungeklärt waren. Die Auflösung der verworrenen Erbschaft mit sechs Parteien war ich meinem Vater schuldig und beschäftigte mich 1 ½ Jahre.

2013 gab es massive Umbrüche in meinem Arbeitsfeld. Langjährige Partner sind aus dem Projekt ausgestiegen und ich habe neue Aufgaben übernehmen müssen. Ich bin Leiterin im Veranstaltungsmanagement und sollte nun auch federführend Marketing betreiben. Damit hatte ich null Erfahrung. Da hatte ich zum ersten Mal echte Angst zu versagen. Aber hej, bisher habe ich doch alles gepackt, das wird schon. Gleiche Stunden im Projekt und gleiches Personal in meinem Team aber eine komplette neue Aufgabe dazu… Klar, geht das. Ich solle mir das ruhig zutrauen. Also Augen zu und durch. Seit letztem Jahr ist nun endlich noch eine Kollegin dazu gekommen und so langsam läuft die Sache. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt. Der Veranstalter ist zufrieden. Die Zusammenarbeit mit den verbleibenden Partnern bekommt langsam wieder in eine Struktur.

Aber drei Jahre liegen hinter mir, in denen nur Feuerwehraktionen gelaufen sind. Strategisches Planen? Konzeptionelle Weiterentwicklung? Nein. Die Zeit reichte kaum für die Brandsätze auf dem Schreibtisch. Jeden Tag bin ich mit dem Gefühl ins Büro, dass es dem puren Glück zu verdanken ist, dass immer nur ein Brand nach dem anderen kam und die Veranstaltung mit großem Erfolg jedes Mal stattfinden konnte. Ein älterer Kollege beim Veranstalter ist der ruhende Pol in diesem irrwitzigen System für mich und war immer wieder der Anlaufpunkt, wenn die Sorgen überhand nahmen und ich jemand brauchte, der mich zur Geduld ermahnt.

Mein Tiefpunkt war dann im Herbst letzten Jahres. Wochenlang quälten mich schon wieder Kopfschmerzen, der berühmte Schulterblick nach links beim Autofahren ging nur mit Ganzkörperdrehung und der Phantomschmerz einer Gürtelrose vom Vorjahr verhinderte ein entspanntes Anlehnen am Autositz. Plötzlich fand ich mich als heulendes Elend in meinem Auto sitzend auf dem Weg zur Arbeit wieder. Das nicht nur einen Morgen sondern mehrere in Folge. Von Sonntag auf Montag konnte ich schon lange nicht mehr schlafen.

Meine feinfühlige Allgemeinärztin wollte mich sofort krankschreiben und erkannte, dass die Verspannungen eine andere Ursache haben. Ich bin weiter in die Arbeit gegangen. Ich wollte mich nicht bei meinem Arbeitgeber und bei den Kollegen outen und ich will mein Leben unter Normalbedingungen in den Griff bekommen. Ob das der richtige Weg ist? Keine Ahnung. Für mich ist er erst einmal stimmig. Neben Massagen, Krankengymnastik und Qui Gong haben ich mit einer Therapie angefangen und dann irgendwann diese Reha hier beantragt. Mit einer Bewilligung habe ich nicht gerechnet. In 24 Monaten hatte ich gerade fünf Krankheitstage, drei für die Gürtelrose und zwei für solche Rückenschmerzen, dass nichts mehr ging und ich gespritzt werden musste.

Dann kam der Bescheid der Rentenversicherung für 5 Wochen Reha. Bis zur Anreise war es ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Was soll ich auf Reha? So schlecht geht es mir doch gar nicht. Wie soll das im Büro laufen? Ich bin doch unersetzbar? Wie soll ich das organisieren? Es war organisierbar. Ich bin ersetzbar. Und jetzt bin ich hier.

Warum dieser Blog?

Ich lese gerne Blogs. Irgendwer muss dann auch welche schreiben.

Und:

Ich würde mich sehr über das Teilen von Erfahrungen in den Kommentaren freuen. Außerdem hilft mir das Schreiben schon seit ich 13 bin, Klarheit und Struktur in meine Gedanken zu bringen. Hat also durchaus einen Selbstzweck.

Ich kann nur meine Sicht der Dinge wiedergeben. Jeder reagiert und denkt anders. Ich weiß auch nicht, ob ich es durchhalte, ihn zu führen. Der Zeitplan ist hier sehr durchgetaktet und das versprochene WLAN ist überlastet, so dass die Zugänge beschränkt wurden.

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