Tag 2 Samstag

8:15 Uhr Frühstück. Bei der Tischeinteilung im Essenssaal (auch hier gibt es keine Zufälle, man ist platziert und wird kontrolliert) entschuldigte sich die Servicekraft, dass ich an einem fast reinen Seniorentisch gelandet wäre. Stück für Stück würde das mit Abreisen und Neuzugängen verjüngt werden. Eine ältere Dame ist leider sehr schwerhörig, so dass eine Unterhaltung kaum möglich ist. Aber eine 87-jährige ist ein echtes Schätzchen mit trockenem Humor und faszinierendem Lebensmut. Sie plant Jopi Heesters zu überholen und mindestens 105 zu werden, obwohl sie vor kurzem einen Herzinfarkt hatte. Aber ein Schrittmacher kommt nicht in Frage. Entweder das klappt so oder eben nicht. Egal was die Ärzte raten. Sie genießt alles und freut sich über jeden Tag den sie hat. Genial. Sie wohnt seit 13 Jahren mit einer Tochter zusammen im Haus. Das war nicht einfach am Anfang. Jetzt schaut sie über das was ihr nicht gefällt hinweg, macht sich keinen Kopf, sagt nichts und es geht wunderbar. Respekt. Nichts ist so für sie so schwierig, dass man nicht noch einen Witz darüber machen kann.

Das Wetter ist ziemlich instabil. Starkregen, Sonne und Gewitter wechseln sich ab. Meinen Plan eine längere Wanderung zu machen, musste ich verwerfen. Was dann? Meine Bekannte hier in der Klinik schlug einen Besuch auf der Wartburg am Nachmittag vor. Am Abend gäbe es dort auch noch ein klassisches Konzert. Nach dem Mittagessen war mir jedoch klar, dass mir weder die Wetterlage noch die Zeit für eine entspannte Besichtigung reichen würden. Außerdem versuche ich langes Sitzen am Stück zu vermeiden, da dann mein Rücken zickt. Da ist ein Konzert auch eher ungeeignet. Ich sage ab. Sowas fällt mir immer sehr schwer. Zumal ich mir sicher war, dass sie allein nicht fahren wird. Aber ich habe mir fest vorgenommen, mehr auf mich und meine Bedürfnisse zu schauen. Puh. Habe ich geschafft. Glücklich war sie nicht.

Ich wollte trotzdem noch eine Runde raus und mich bewegen. Aber ich bin 2x wieder reingeflüchtet. Gewitter machen mir zu sehr Angst. Unzufrieden mit viel zu viel Freizeit hocke ich in meinem Zimmer. Ich wünsche mir oft diesen Leerlauf. Jetzt habe ich ihn. Was fange ich damit an? Fernsehen mag ich nicht. Langweilt mich, wenn ich dabei nichts zu tun habe. Schlafen? Kann ich nicht am Tag. Lesen. Ok, ist eine Möglichkeit. Recherchieren, kommunizieren über FB, Whatsapp und Co? Blog lesen? Geht nur sehr, sehr eingeschränkt und laaangsam. Kein WLAN nach wie vor und der Empfang trotz D-Netz ist hundsmiserabel. Dafür reicht meine Geduld nicht. Langeweile. Nichtstun. Aushalten. Ruhe.

Endlich Abendbrotzeit. Ausgehungert sitze ich um 18:00 Uhr am Tisch. Das Mittagessen war – nun nennen wir es – überschaubar. Kartoffelsuppe ohne Würstchen. Ich bin kein Vegetarier. Die Würstchen gab es dann zum Abendessen. Sind die mittags vergessen worden? Danach bin ich die übliche Runde Schwimmen gewesen, Duschen, mit meinen Jungs zu Hause telefonieren und doch einen Film gucken. „Monsieur Claude und seine Töchter.“ Echt lohnenswert. Als er im Kino lief, hatte ich es nicht geschafft, ihn zu sehen. Sollte Pflichtprogramm an jeder Schule sein. So lässt sich vielleicht den Vorurteilen in den Köpfen (die jede Kultur hat) ein Stück weit mit Humor begegnen.

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