Tag 5 Dienstag

Jetzt geht es ans Eingemachte. Der Tag begann so harmlos und ich freute mich auf einen entspannten Nachmittag. Nur drei Termine standen auf meinem Behandlungsplan. Ab Mittag hatte ich frei für eine Wanderung.

Direkt um 8:00 Uhr startete ein Vortrag zum Thema „Aktive Freizeitgestaltung“. Das kriege ich gut hin. Kein Thema. Im Anschluss war die Runde der Bezugsgruppe, nun auch wieder mit unserer zuständigen Psychologin. Das war angenehm, die Runde kannte sich jetzt schon und die Therapeutin hat noch einmal sehr klar die Gruppenregeln aufgestellt. Es fand sich auch ein Thema, dass alle gemeinsam bearbeitet haben. Wirklich angedockt hat es nicht bei mir. Ich blieb sachlich aber auch distanziert.

Nahtlos ging es dann in die Kommunikative Bewegungstherapie über. Keiner wusste richtig, was ihn dabei erwartet. Wir saßen auf Gymnastikbällen im Sportsaal unter dem Dach und waren einer inquisitatorischen Befragung durch den Therapeuten ausgesetzt. Was hat uns her gebracht? Was wollen wir? Was denken wir, was hier geschehen wird? Das war ätzend, wie in der Schule. Der Psychologe wusste alles. Ein Verstecken war unmöglich. Es geht dabei um Gefühle und nicht um Interpretationen oder das Aufrechthalten der Fassade. Knallhart fragte mich der Therapeut, welches Gefühl man unterdrückt, wenn Schulter, Nacken, Kopf betroffen sind. Ich wusste keine Antwort, spürte an meinem Widerstand aber sofort, als er ganz trocken sagte: „Wut. Wie der Hund, der da draußen  bellt.“, Scheiße, er hat Recht. Es ist Wut. Elende Wut. Unterdrückte Wut. Vermiedene Wut. Wut auf Geschichten, die ganz lange zurückliegen. Die niemand mehr ändern kann. Ich bin komplett angepasst. Ich weiß nicht wohin mit meiner Wut. Jetzt wo ich es aufschreibe, merke ich sofort, wie meine linke Schulter wehtut, mein Nacken verspannt. Wenn ich dieser Wut Platz lasse, dann kommen vielleicht auch meine anderen Gefühle wieder zum Tragen. Aber wohin mit dieser Wut? Wohin?

Mein Vater war jähzornig und meine Mutter in ihren Launen unberechenbar. Ich durfte nicht wie mein Vater sein. Das war nach der Trennung meiner Eltern das Schlimmste. Mein Vater war schlecht. Seine Wut war schlecht. Wenn ich wütend war, war ich schlecht. Ich war irgendwann nicht mehr wütend. Ich war immer auf der Suche nach Anerkennung. Von außen. Von innen konnte ich mich nicht spüren. Denn da ist auch Wut. Habe ich Freude, Trauer, Glück alles zusammen mit der Wut eingeschlossen? Ich traue meinen Gefühlen nicht. Machen deshalb meine Muskeln dicht?

Das habe ich vor Stunden geschrieben, an einem kleinen Wasserfall ca. 10 km von der Klinik entfernt. Ich musste laufen, schnell laufen, meine Gedanken freilassen. Ich hatte unbändige Angst, dass ich nicht nur ein Opfer bin, sondern auch Täter. Wie haben wir unseren Sohn erzogen? Welchen Platz haben Gefühle in unserer Familie? Das Wandern tut mir gut, nimmt mir die Panik, die schwarzen Gedanken, die Schuldgefühle und den Schmerz im Rücken. Mein Versuch mit meinem Mann darüber zu sprechen, scheiterte an der üblichen Sprachlosigkeit von ihm zu diesem Thema. Seine Sicht der Dinge ist: Über Gefühle kann man nicht reden. Man hat sie.

Pfff… Vielleicht rede ich darüber, weil ich sie nicht fühle? Noch ein Zitat von Ildiko von Kürthy aus „Herzsprung“ dazu: „Nichts ist schlimmer an einem Mann, als wenn er Frauen versteht. Doch vielleicht eines: Wenn ein Mann in der Lage ist, seine Gefühle zu zeigen und über sie zu sprechen. Das ist enorm verunsichernd und raubt jeder Beziehung die Basis. Es ist zwar wahr: Ich kenne keine Frau, die ihren Mann nicht wenigstens zweimal in der Woche anpflaumt, er sei emotional verkümmert und sie wünsche sich nichts sehnlicher, als dass er ihr mitteile, was in ihm vorgehe. Aber wahr ist auch: Es gibt nichts Entwürdigenderes, als wenn Männer mitteilen, was in ihnen vorgeht.“

Von Kürthy ist irgendwie mein Korrektiv. Ich will mich ja mit mir auseinandersetzen. Aber manchmal zieht Tiefgang auch (zu sehr) runter und Lachen hilft. Bin totmüde heute Abend.

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