Ein liebenswertes Monster: Ich & die Wut

Tag 6 Mittwoch

Erstaunlich gut geschlafen. Allerdings ist mir das Aufstehen jeden Tag zu früh. Ich muss direkt um 7:15 Uhr frühstücken gehen. Selbst dann ist der 8:00 Uhr-Termin noch ein ziemliches Gehetze. Der Tag begann mit Aktivierung im Wasser. Ich habe ein paar nette Übungen gelernt. Brustschwimmen ist irgendwie immer kontraproduktiv für einen steifen Nacken. Jetzt kenne ich einige Alternativen. Eine Übung fand meine linke Schulter jedoch doof und sie zickt auch vier Stunden später noch mit mir.

Jedes Mal wenn ich heute in mein Zimmer kam, lag ein neuer Therapieplan da. Mein freier Freitagnachmittag ist Geschichte. Die Einzeltherapiestunde ist von heute dorthin verschoben worden. Bisschen schade. Ich hätte gern direkt im Anschluss an gestern das Thema Wut mit der Psychologin aufgegriffen. Wer weiß, was bis Freitag in meinem Kopf ist.

Alle meine Gefühle gehören zu mir. Alle meine Gefühle sollten willkommen sein. Wütend bin ich oft zu Hause. Bei Kleinigkeiten, die es eigentlich nicht wert sind, dass ich mich darüber aufrege. Z.B. der Klassiker, wenn der pubertäre Sohn zwei Minuten später wieder vergessen hat, was er eigentlich tun sollte: Müll rausbringen UND Geschirrspüler ausräumen… gerne unterstelle ich ihm Absicht dabei. Vieles ist aber hormonbedingte Vergesslichkeit und definitiv keine Aufregung wert. Dafür fehlte mir in letzter Zeit oft die notwendige Gelassenheit oder auch schlicht der Humor. Tut mir leid mein Kind!

Habe ich mir heute ein kleines Monster gekauft. Der charmante Kerl steht für meine Wut und ist richtig kuschelig. Gleichzeitig guckt er ziemlich treudoof aus der Wäsche, so dass ich spontan verliebt war und lachen musste. Ein Widerspruch? Albern? Keine Ahnung. Fühlt sich im Moment richtig an. Ich bin auch wütend liebenswert. Nein, passt nicht. Wut braucht ihren Platz und die richtige Adresse. Nicht mein Sohn und der Mülleimer oder mein Mann in seiner stoischen Ruhe, der mir (gefühlt immer!) Antworten schuldig bleibt. Das ist nur der Ort an dem es leichter ist, wütend zu sein. Weil ich dort zu Hause bin, sicher bin, geliebt bin. Woanders sieht das anders aus. Ich bleibe liebenswert als Mensch auch wenn ich wütend, ängstlich, peinlich oder albern bin. Es ändert nichts an meinem Wert, wenn ich Gefühle lebe und spüre, solange ich niemand damit verletze. Das bin ich auch meiner Familie schuldig. Das macht mich berechenbarer, einschätzbarer, erträglicher. Anders als meine Mutter und mein Vater.

Habe ich heute auf FB gelesen: Wenn du bereit bist, das Verhalten anderer dir gegenüber als eine Reflexion ihrer Beziehung mit sich selbst anzusehen und nicht als eine Aussage über deinen Wert als Mensch, löst du dich von dem Verlangen darauf reagieren zu müssen.

Jap. I See.

Heute sind vier Termine auf meinem Stundenplan. Einer davon war die Passive Musiktherapie. Ich habe auf dem Boden liegend eine Viertelstunde Strauss gehört. Bilder hatte dazu keine. Nur die nette Erinnerung an die Kostümfilmchen, die ich bei schlechtem Wetter mit meiner Oma gesehen habe und in denen sich alle am Ende glücklich im Ballkleid beim Wiener Walzer drehten. Ich sollte doch den Tanzkurs mit meinem Mann machen. Unser Sohn ist im Fortgeschrittenenkurs und der nächste Abschlussball steht vor der Tür. Der erste war schon peinlich genug, als wir Eltern über das Parkett stolperten. Aber meine Generation hat einfach nie richtig Tanzen gelernt. Das war uncool. Ganz beschwingt verlasse ich die Musiktherapie und bin froh, dass es nicht wieder so ein Bretterknaller wie die Kommunikative Bewegungstherapie gestern war. Andere hatten mir von schweren Heulanfällen berichtet, die sie während der Musiktherapie überkamen.  Ich hätte nicht einmal genug Zeit gehabt, um mich mit einer Tour wieder zu fangen. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Um die Einträge zu posten, muss ich immer noch vor eine andere Kurklinik laufen, die einen Openaccess hat. Mittlerweile ist das schon mein Platz geworden und ich mag ihn sehr gern. Allerdings tröpfelte es vorhin auf meinen Laptop. Die Hausdame habe ich schon angesprochen auf das Manko mit den versprochenen WLAN-Zugängen. Sie hat natürlich keine Lösung. Aber mir fehlt die Möglichkeit mal schnell zu googlen oder auch FB usw. in einer erträglichen Geschwindigkeit zu nutzen. Vielleicht soll ich damit Geduld lernen??? Arghhh… Mein Datenvolumen mobil ist mittlerweile auch aufgebraucht. Morgen frage ich wieder an der Rezeption nach. Das sind Sachen, die mir echt schwer fallen. Ich könnte gut für andere fragen – aber für mich? Komme ich mir wie eine Meckertante vor…

Meiner Bekannten M., die ich hier am Anreisetag kennengelernt habe, ging es heute schlecht. Ich traf sie früh im Treppenhaus auf dem Weg zum Frühstück und sie rannte an mir vorbei. Mein Spruch zum absolvierten Fitnessprogramm kam nicht so gut an. Ich hatte direkt ein schlechtes Gewissen. Auf ihrem Platz standen dann eine Blume und eine Karte. Unser Verdacht am Tisch war, dass sie Geburtstag hat und ich vermutete, dass es vielleicht nicht ihr Lieblingstag ist. Fehlanzeige. Abends ging es M. soweit gut, dass sie Lust auf eine Runde zur Burgruine hatte und sie erzählte, dass sie die Sachen von einem Verehrer bekommen hatte. Uns hatte zwei Abende zuvor einer angequatscht: „Na Mädels, was macht ihr so am Abend…“. Wir hatten ihn für den nächsten Tag vertröstet. Mir war klar, dass ich nicht im Fokus seines Interesses stand. M. ist deutlich attraktiver als ich, groß, blond, lange Haare und mit einem hübschen Gesicht, das immer leicht fragend in die Welt blickt. Typ „Großes Mädchen sucht Beschützer“. Ich bin das eher nicht. Aber, ey, wenn ich ehrlich bin, mir hätte die Aufmerksamkeit auch gefallen. Das tut immer gut. Gibt Bestätigung. Auch wenn ich es gewöhnt bin, eher für meine intellektuellen Werte geschätzt zu werden, ich definitiv niemand Neuen suche, der Typ knapp so groß war wie ich, sowie um die Augenpartie herum, ein gewisses Maß an Ähnlichkeit mit den Teichbewohnern vor meinem Fenster hat… ICH hätte gern auch die Aufmerksamkeit bekommen. Flirten tut gut und gibt Selbstbewusstsein. Das war mit 15 schon so und hat sich mit 45 nicht geändert. Puh. Noch ein Lernfeld.

Tatsächlich waren die Geschenke für M. von ihm. Wow. Mir hatte man vor der Reha mehrfach über die Suche mancher Männer nach Begleitung für die Kur berichtet, aber ich war doch irritiert über den Mut des Mannes. Bin mal gespannt, wie es weitergeht. M. ist alleinstehend. Ob der Typ auch? Jedenfalls tat das ihrem Ego ziemlich gut.

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