(sich) Selbst bewusst sein

Tag 8 Freitag

Der Tag begann mit der Chefarztvisite. Hm. Außer dass ich danach das dringende Bedürfnis zum Lüften verspürte, da er intensiv nach Schweiß roch, kann ich nicht viel darüber berichten. Er fragte ebenfalls nach meinen Zielen für diese Reha. Sie sind unverändert. Ich möchte merken, wenn ich in Stress rutsche und gegensteuern können und ich möchte meine Verspannungen in den Griff bekommen. Grundsätzlich bin ich nach einer Woche jetzt hier angekommen und fühle mich im weitesten Sinne wohl.

Heute stand ebenfalls Wiegen auf dem Programm. Was soll ich sagen? Das Gewicht ist unverändert. Wie (fast) alle Frauen würde ich wahnsinnig gern die 40+Kilos wieder loswerden. Leider bin ich da wirklich anfällig und habe jedes Jahr über 40 ein Kilo mehr auf die Hüften bekommen. Meine Hoffnung war, dass ich mich auf dieser Kur kohlenhydratarm ernähren kann. Geht leider überhaupt nicht. Dafür ist das Büfett zu arm an Salaten und die Mittagessen zu sehr Hausmannskost. Dabei hängt im Gang ein großes Plakat zur gesunden Ernährung mit mediterraner Küche. Das ist echt ein Witz. Das Essen ist Sparprogramm. Trotzdem nasche ich abends nicht, esse höchstens noch Obst und habe mittlerweile seit 10 Tagen keinen Alkohol getrunken. So lange habe ich wahrscheinlich seit der Stillzeit von meinem Sohn nicht pausiert. Das Glas Rotwein oder ein Bier zum Grillen gab es in den letzten 10 Jahren schon häufig. Eigentlich gefiel mir das nicht. Aber es war auch ein lieb gewonnenes Ritual ab und an am Abend oder zum Wochenende etwas zu trinken. Hier vermisse ich es nicht. Alkohol ist in der Kurklinik verboten. Außerhalb ist es natürlich möglich, niemand würde es kontrollieren. Aber für mich ist es ein Versuch und ein gutes Gefühl, dass es problemlos geht und ich nicht klammheimlich in eine Abhängigkeit gerutscht bin. Mit dem ganzen Sportprogramm zusammen, fühle ich mich auch weniger schlabberig und aufgedunsen. Und dann zeigt die Waage genau das gleiche Gewicht. Bis auf die Kommastelle. Aber pah, ich lasse mir doch nicht von einer Waage sagen, wie ich mich fühle! Ich fühle mich wirklich leichter und fitter.

Komme gerade aus der Bezugsgruppe. Thema war heute: Wie oute ich mich? Wem sage ich wann und was über meine psychische Erkrankung? Ich habe es auf Arbeit nicht thematisiert. Mich hat auch niemand gefragt. Sicherlich trauen sich die Kollegen auch nicht mich direkt anzusprechen. Aber habe ich nicht die Verpflichtung meinem Team gegenüber und auch eine Vorbildwirkung? Aber ich verliere doch etwas. Das Bild, das ich von mir habe. Das ich von mir nach außen zeige. Ich war die, die immer alles geschafft hat. Meine Brustmuskeln sind bretthart. Meine Hände zittern. Mein Körper zeigt mir ganz klar, hier ist dein Problem. Dieser Blog ist ein Weg des Outings. Natürlich schreibe ich ihn für die meisten Menschen anonym. Ich werde ihn auch nicht auf meinem Facebookprofil posten. Aber ich kann ganz bewusst entscheiden, wem ich den Link schicke. Mittlerweile erhalten ihn immer mehr Menschen in meinem Umfeld. Nicht alle lesen den Blog. Bisher kommentiert auch niemand. Aber ich habe es in der Hand, wem ich was über mich sage. Die Reaktionen darauf sind nicht vorhersehbar. Die Angst ist natürlich da, für einen Psycho gehalten zu werden. Aber das sind auch meine Bilder im Kopf. Meine Bewertungen.

Heute Nachmittag hatte ich dann den von Dienstag verschobenen Einzeltermin bei meiner zuständigen Psychologin. Wir haben das Thema Selbstbewusstsein aufgegriffen. Sich seiner Selbst bewusst sein. Dann finden auch die Gefühle den richtigen Platz und ich kann sie (wieder) freilassen, muss mich nicht verspannen. Selbstbewusstsein bedeutet nicht mit Ellenbogen durch die Welt zu gehen. Ich konnte sehr offen mit der Therapeutin reden. Sie hat mir Empfehlungen für die Ausrichtung meiner Therapie zu Hause gegeben. Ich werde Zeit benötigen und Geduld haben müssen. Die Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend nur über Leistung Zuwendung zubekommen und oft den Ansprüchen nicht genügt zu haben, kann ich nicht einfach vom Tisch wischen. Vergeben, vergessen, verzeihen – geht leider nicht. Meine heftige Reaktion auf den Therapeuten in der Kommunikativen Bewegungstherapie hat sie zum Anlass genommen, den Vorschlag zu machen, dass ich bei ihm in Zusatzstunden gehe. Das macht mir Angst. Diese Stunde hat mich viel Kraft gekostet. Aber ich kann immer klarer benennen, was meine Erfahrungen zum Thema Zuwendung, Anerkennung und Liebe waren und wie ich mich sehe. Die Fragebogenauswertung hat ergeben, dass ich keine Depression habe und keine psychotische Störung. Na immerhin etwas. Die anderen Baustellen reichen.

Später lag ich auf meinem Bett, mein Monster im Arm und habe das kleine, ziemlich traurige Kind in mir getröstet. Mir fehlen mein Mann und mein Sohn so unendlich. Am liebsten wäre ich liegengeblieben. Aber meine Verabredung zum Nordic Walking stand und die Bewegung tat mir gut.

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