Auf alten Wegen neu stolpern

Tag 11 Montag

Ich konnte morgens länger schlafen, da mein frühester Termin erst um 10:00 Uhr ein Fitblock war. Das tat gut, aber ausgeschlafen war ich nicht. Das Gespräch mit meinem Sohn hatte mich doch ziemlich aufgewühlt. Dazu kam der Anschlag in Orlando auf den bei Schwulen beliebten Club PULSE und die Angst vor Homophobie, die auch mein Kind betreffen kann. Der Gedanke, dass ihm einer wehtun könnte, zerreißt mich fast. Zumal er auch zum ersten Mal in diesem Jahr zu einem CSD will und dann auch nach Glasgow fliegt mit einem Jugendaustausch zu deren Prideday. Beschützen geht dabei nicht. Ich muss ihn ziehen lassen. So schwer es mir auch fällt. Ich musste nachts noch Nachrichten sehen und konnte dann noch schlechter einschlafen. Hier habe ich noch niemand erzählt, dass mein Sohn schwul ist. Gut, die Psychologin weiß es. Aber bei den anderen hatte ich nicht das Vertrauen, es zu erzählen. Es ist immer noch spürbar in meiner Generation, dass es ein „Ach“ auslöst und wenig normal ist, vom Freund des Sohnes zu reden, wie andere von der Freundin. Man merkt es auch an der Zahl der Likes zu einem Post auf Facebook. Die dämlichsten Wanderfotos bekommen mehr Daumenhoch, als ein geteilter Artikel des schwul/lesbischen Zentrums Fliederlich zu den Anschlägen in Orlando. Vielleicht bin ich auch mit den falschen Leuten auf FB befreundet.

M. hat sich komplett zurückgezogen. Sie ist sauer gewesen, weil ich zu spät zum Fußballgucken kam und hatte nicht bemerkt, dass ich hinten im Raum saß. Ich habe ihr zwar erklärt, dass ich zwei Minuten nach Anpfiff da war und sie nicht gleich entdeckt hatte, aber es hat nichts genützt. Sie schweigt mit mir am Tisch. Das ist anstrengend und ich überlege, sie an zusprechen. Solche Situationen halte ich nicht besonders gut aus und möchte sie gern klären. Ich weiß aber, dass mein Anteil daran sehr gering ist. Ja, sie hat auf mich gewartet, aber dass es ihr im Moment schlecht geht, ist nicht meine Schuld und ich sollte nicht die Verantwortung übernehmen. Aber ich fühle mich schuldig, ausgegrenzt und unwohl.

Ansonsten hatte ich nur eine zweite Sporteinheit: Wassergymnastik. Während der erste Trainer es letzte Woche ruhig angegangen war, ließ diese Trainerin es ordentlich krachen. Fast bereute ich meine Nordic Walking Verabredung für den späten Nachmittag. Trotzdem war es gut, dass ich mich aufgerafft habe. Wir sind zu viert eine gute Stunde und 6 km unterwegs gewesen. Eine weitere Frau legte ein Mördertempo vor und ein anderer Mitläufer konnte das nicht halten. Am Anfang hatte ich den Impuls ebenfalls hinterher zu rennen. Nach dem Prinzip, so schnell bin ich schon lange. Dieses Konkurrenzdenken erwischt mich manchmal auch in den Bergen. Aber mir ging es heute um den Auslauf und die Bewegung. Ich blieb dann bei dem langsameren Mann. Das war die richtige Entscheidung und die zwei schnelleren Läufer warteten an Abzweigungen immer wieder auf uns. Trotz kleinerer Nieselschauer kamen wir gut durch die Runde und ich hatte am Ende den Kopf frei. So konnte ich das schweigsame Abendbrot gut überstehen.

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