Der schmale Grat

Tag 19 Dienstag

Ich – Ego. Ego ist nicht Egoismus. Authentizität ist nicht Arroganz. Aber was ist es dann? Mir ist es unglaublich schwer gefallen, das Ich-Bild zu verwenden, obwohl es mir für den heutigen Post als erstes in den Sinn kam. Mich in den Mittelpunkt zu stellen. Wer ist „Ich“? Wer bin ich? Was will ich?

Diese Fragen ploppten nach der Kommmunikativen Bewegungstherapie (KBT) auf. Heute war es die 3. Sitzung. Die erste hatte mich so überraschend mit meinen Themen Wut, Schuld und Scham konfrontiert, dass ich emotional aus den Latschen gekippt bin. In den zweiten Termin bin ich dann angespannt und ängstlich gegangen. Dankbar habe ich erlebt, dass der Kontakt zu mir und mit meinem Wohlbefinden keine erneute Achterbahn der Gefühle ausgelöst hat. Für dieses dritte Treffen empfand ich nur Neugier im Vorfeld und die Lust, mehr über mich zu erfahren. Nach dem befreienden Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin letzte Woche und dem perfekten Wochenende zu Hause war ich voller Energie und offen für Neues.

Das Thema Konflikte und zwei Übungen dazu standen auf dem Programm. Die erste Aufgabe bestand darin, auf einem schmalen Grat unterwegs zu sein. Zwei Personen laufen auf einander zu und der Platz reicht nicht, um sich mit Abstand zu begegnen, so dass jeder sicher seinen Weg fortsetzen kann. Eine Option war das Gegenüber vom Grat zu schubsen, die andere Lösungsmöglichkeit bestand darin, gemeinsam – ohne Worte – im Kontakt an einander vorbei zukommen. Jemanden aus den Weg zu räumen, war weder für mich noch, soweit ich es beobachten konnte, für irgendjemand anderen eine Option. Am meisten Sicherheit empfand ich in den Begegnungen, die mit einem hohen Maß an Körperkontakt stattfanden. Keine große Überraschung eigentlich. Allerdings kann ich mich nicht gut umarmen lassen, wenn es mir nicht gut geht. Genau dann, wenn ich doch die Berührung und die damit verbundene Sicherheit am meisten benötige.

Noch interessanter war meine Beobachtung, dass ich mich zu den Personen, die ich als unsicher, schwächer eingeschätzt habe, nach der Begegnung umgedreht habe. Ich bin selbst ein Stück rückwärts gelaufen, um sehen zu können, wie der andere sicher seinen Weg fortsetzt. Dabei bestand durchaus die Gefahr selbst vom Grat zu fallen, denn den eigenen Weg konnte ich so nicht mehr im Blick behalten. Das ist mein Dilemma. Ich achte auf die anderen und viel zu wenig auf mich. In den Bergen ist das sich gegenseitig im Blick haben zwingend notwendig. Aber selbst da sollte man seine Schritte eigenverantwortlich lenken können. Beim Weg gelingt es mir, bei den Befindlichkeiten der anderen eher nicht. Auch nicht in den Bergen. So schön meine Alpenquerung im letzten Jahr auch war, dass ich die Unzufriedenheit und Erschöpfung meines Partners so intensiv wahrgenommen habe, hat erst enormen Frust, dann Wut in mir erzeugt und das gigantische Erleben 21 Tage über die Berge laufen zu können, deutlich geschmälert. Wie dämlich ist das doch? Ich möchte weiterhin wissen, wie es dem Gegenüber geht, aber mich nicht immer anpassen und verbiegen. Zumal gar nicht sicher ist, wie der andere darüber denkt.

Das hat mir die zweite Übung gezeigt. Wir sollten mit einem virtuellen Seil den anderen über eine gedachte Mittellinie ziehen. Unglaublicherweise kann man dabei ins Schwitzen kommen und meine ersten zwei Gegnerinnen hatten ähnlichen Spaß daran wie ich, in diesem Wettbewerb zu bestehen. Die dritte gab auf. Da blieb bei mir ein schales Gefühl. Die nächste habe ich gewinnen lassen. Nicht in dem ich aufgegeben habe, sondern weil ich daran gedacht habe, wie wenig selbstwirksam sie sich in den letzten Jahren erlebt hat. Ich wollte, dass sie sich gut fühlt. Ging komplett nach hinten los. Sie hat das gespürt und mich als die Person markiert, die es ihr deutlich zu leicht gemacht hat, damit hat sie sich abgewertet gefühlt. Pfff… Ich bin ein echter Fan dieser Therapieform geworden. Damit kapiere ich etwas. Ich darf auf mich schauen. Als erstes. Ich darf so sein wie ich bin. Als zweites. Wobei ich immer noch kognitiv an die Sache herangehe und die Gefühle ziemlich hinterher hinken. Nee. Das ist falsch. Die Gefühle sind schneller als die Gedanken. Meine Angst so zu sein, wie ich bin und damit Gefahr zu laufen, abgelehnt zu werden, hält noch den Geschwindigkeitsrekord. Aber die kleinen Erfahrungen so Stück für Stück, dass man mit einer konstruierten Fassade nicht authentisch sein kann und das Gegenüber so auch nicht ernsthaft in Kontakt mit mir kommt, lässt mich umdenken und mutiger werden.

ICH bin passend. Nicht auf jeden Menschen und nicht auf jede Situation. Aber das will ich vielleicht auch gar nicht mehr sein.

 

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