Besser geht’s nicht

Tag 33 Dienstag

Ein Tag der emotionalen Highlights. Was wähle ich aus? Die Gruppenstunde, in der ich mir zum Abschluss eine Rückmeldung zu einem meiner Themen gegönnt habe? Das Feedback der Therapeutin? Die unerwarteten Gespräche auf dem Gang? Die Erfahrungen in der Pferdetherapie? Oder den Abschluss mit D. auf der Burg?

Das alles waren Erfahrungen, die erst durch die fünf Wochen hier möglich geworden sind. Mit D., den Gruppenverabschiedungen nerven und der daher am See nicht dabei war, noch einmal auf der Burg in den Sonnenuntergang zu schauen, eine Flasche Rotwein zu leeren und über die Zeit hier zu reden, war nur möglich, weil ich den Kontakt trotz gegenteiliger Impulse und Sticheleien nicht beendet hatte.

Die Rückmeldung meiner Bezugstherapeutin, dass sie eine positive Prognose für meine weitere Entwicklung sieht, konnte ich hören, annehmen und mich darüber freuen. Genau mit diesem Gefühl gehe ich auch von hier fort.

Das ist noch keine Entscheidung zur Durchführung der Kieferkorrektur nach der Reha treffen kann und mir ein Feedback aus der Gruppe geholt habe, war auch erst so am Ende der Zeit hier für möglich. Die Impulse aus der Gruppe waren sehr unterschiedlich, ich konnte jeden für sich so stehen lassen und mir die Teile rausnehmen, die ich weiterdenken möchte. Schwer fällt es immer noch anzunehmen, wenn jemand sagt, dass ich eine offene und intensive Ausstrahlung habe und meine Augen das Sprechendste an mir sind. Wobei, wenn man mich fragt, was mir an meinem Gesicht am besten gefällt, würde ich immer meine Augen wählen.

Ja, und dann waren das noch die Pferde. Von M. überredet, bin mit zu einer Therapiestunde außerhalb der Klinik gefahren. Bisher waren Pferde für mich nur furchteinflößend groß und unberechenbar. Vor Aufregung war ich vor der Abfahrt zum Reiterhof mehrfach auf dem Klo und bis zum Koppelzaun mir nicht sicher, ob ich durch die Tür käme. Aber ich will einfach mehr Mut zeigen und mich nicht mehr von meinem Kopfkino an neuen Erfahrungen hindern lassen. Fazit: Pferde spüren sehr genau, was man ihnen anzubieten hat. Ist es Sicherheit und Klarheit, dann nehmen sie es an und lassen sich führen. Sobald man zweifelt oder orientierungslos ist, bleiben sie stehen oder fangen an zu grasen. Ich wusste nicht, was ich mit meinem Pferd machen sollte. Ich hatte keinen Plan und war mit der Kontaktaufnahme beschäftigt. Fühlen, streicheln, Bremsen verscheuchen. Dann habe ich gelernt, es in die Bewegung zu bringen und dem Pferd ein Ziel zu geben, mit mir an seiner Seite als Führung. Beide Pferde konnte ich mehrere Runden führen, auch über Stangen die am Boden lagen. Manchmal blieben sie plötzlich stehen und fraßen, ließen sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Dann musste ich sie (und mich) wieder motivieren. Das war richtig anstrengend und nach einer Stunde war meine Kraft erschöpft. Der Therapeut bot mir an, dass ich mich als Entspannung auf das Pferd legen könnte. Das ging nicht für mich. Ich wollte mein Pferd nur noch streicheln, das weiche Fell fühlen, den warmen, starken Körper wahrnehmen. Die Erinnerung daran, was ich immer an Geborgenheit gesucht und vermisst habe, kam wieder und die Trauer war da. So stand ich an das Gras rupfende Pferd gelehnt, eine Hand in der Mähne, guckte in die Landschaft und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich war zufrieden und traurig. Und durfte beides sein.

Der innere Kritiker

Tag 27-28 Mittwoch und Donnerstag

Oh nee, nicht noch ein Bewohner. Mein inneres Kind und seine Bedürfnisse reichen mir eigentlich schon. Jetzt auch noch dieser Kerl, mit dem man sich beschäftigen sollte… Jetzt ist doch mal genug.

Oder doch nicht?

Durch den Kontakt mit M. bin ich an das Buch: „So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen. Sich annehmen. Freundschaft mit sich schließen, den inneren Kritiker zähmen“ gekommen. Ich habe es ziemlich in einem Rutsch durchgelesen. Sind auch nur 140 Seiten. Das Ganze ist als Übungsbuch gedacht. Das heißt man darf es zu Beginn schnell lesen, dann sollte man oder frau sich aber über drei Monate täglich 30 Minuten Zeit nehmen, um in dem Buch zu lesen und damit zu arbeiten. Puh… Ist das realistisch?

Die mögliche Erkenntnis nach dieser Dompteurleistung mit dem inneren Kritiker ist natürlich bestechend:

An dir ist nichts verkehrt, auch wenn du das Gefühl hast, mit dir stimme etwas nicht.

Du bist liebenswert – auch wenn du nicht perfekt bist.

Der Test im Stressseminar hat gestern folgende Antreibersätze für mich (nach den Erfahrungen der letzten Wochen nicht sehr überraschend) zum Vorschein gebracht:

Sei beliebt!

Sei perfekt!

Das impliziert als Aufforderung natürlich immer die Tatsache, dass ich es nicht bin. Ja, mein Verstand weiß, dass es niemand perfekt sein kann. Aber Dank dem vorlauten Kritiker sind die Gefühle immer schneller.

Ich wage mich an das Thema. Auch wenn mir die Übungen echt schwer fallen werden. Beispielübung 15: Sag zu dir: Ich mag dich … dann sag dir fünf Dinge auf, auf die du stolz bist oder die du an dir magst… Wow.

Die Gespräche mit M. fordern mich zum Umdenken auf. Allerdings weiß ich nicht, wie M. die Umsetzung für sich schaffen will, wenn sie auf andere schaut.

Die andere M., die mit mir angereist war und auch fünf Wochen bleiben sollte, ist heute vorfristig abgereist. Ich hatte mich aus dem Kontakt zurückgezogen, nachdem es ihr so schlecht ging und sie mir auch unterschwellige Vorwürfe gemacht hatte. Wir saßen immer noch am Tisch nebeneinander. Meist kam nur eine oberflächliche Unterhaltung zu Stande. Mein übliches Verhalten wäre gewesen, sie weiter aktivieren oder auch kontaktieren zu wollen. Das habe ich bewusst unterlassen. Trotzdem hatte ich ihr gestern eine nette kleine Karte zum Abschied geschrieben.

Heute bekam ich ebenfalls eine mit folgenden Worten ins Postfach: „… gerne hätte ich dir mehr von meinen anderen Seiten gezeigt, die auf der Vorderseite nicht vermerkt sind, doch du konntest nicht stehenbleiben, um sie zu sehen. Danke für unsere ersten Gespräche …“ Die Karte hatte ich ihr, als Katzenliebhaberin, am Anfang der Reha geschenkt. Sie zeigt die vielfältigen Ausdruckmöglichkeiten der Stubentiger und ist das Bild von heute (und ebenfalls von http://www.juniemond.wordpress.com).

Damit muss ich klarkommen. Ich hatte mich gegen die Beziehungsarbeit entschieden, dann muss ich auch mit Kritik rechnen. Aber es ging nicht so tief wie befürchtet. Vielleicht weil ich auf mich gehört hatte und nicht ihr Wohlbefinden in den Vordergrund gestellt haben. Ich konnte sie nicht anschieben und wollte es dann auch nicht mehr. Die Energie habe ich für mich benötigt.

“Das ist egoistisch. Hast du nicht gesehen, wie schlecht es ihr ging?”

“Doch, habe ich. Aber ich bin hier, weil ich lernen will, mich um mich selbst zu kümmern. Und für dich vorlauten Kerl finde ich auch noch den richtigen Platz.”

Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

Hinter der Fassade

Tag 14 Donnerstag

Ich habe mich heute getraut in der Einzeltherapie über meine Wut, meine Trauer und meine Schuldgefühle zu reden. Augen zu und durch. Egal was die Therapeutin davon hält. Die Angst und Scham bewertet zu werden, kann nicht mehr schlimmer werden. Sie lähmt mich, sie blockiert mich. Mir begegnen hier so viele Verdränger und Halbleichen. Das ist meine Chance einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Den Kreislauf aus Schuld, Scham und kopfloser Verantwortungsübernahme zu durchschauen und irgendwann auch zu durchbrechen. Genau hinzusehen, wann das innere Kind mit seinen Bedürfnissen das Steuer übernimmt und mich als Erwachsene hilflos im Regen stehen lässt. Es war ungeheuer anstrengend. Meine Nacht war eh zu kurz, das Frühstück rutschte nicht und die heißgeliebte Hydrojetmassage blieb wirkungslos. Selbst als ich vor der Tür der Psychologin saß, war ich mir nicht sicher, ob ich mich öffnen würde. Es war schlimmer als jede Prüfungssituation.

Fazit: Sich zu öffnen hat sich gelohnt. Ich habe mich angenommen, ernstgenommen und bestärkt gefühlt. Ich weiß genauer, was mir fehlt oder gefehlt hat. Wie ich das bekomme und ob ich es überhaupt noch einmal erhalten kann, dass weiß ich nicht. Aber ich komme in den Kontakt mit mir und ich sehe eine echte Chance, meine Stärken wieder zu finden. Eine Rückführung in Bilder und Orte meiner Kindheit hat nicht funktioniert. Soweit bin ich (noch) nicht. Vielleicht ist es auch nicht mein Weg. Ich kann mich viel eher über die Bewegung öffnen und in Kontakt mit meinen Gefühlen kommen.

Daher tat mir die Nordic Walking Runde am Mittag auch richtig gut. Wir waren in hohem Tempo 80 Minuten unterwegs. Danach hatte ich allerdings wenig Zeit zum Ausruhen und es ging direkt mit Entspannungsübungen weiter. Ein hohes Risiko dabei einzupennen hatte nicht nur ich. Neben mir schnarchte es lautstark. Im Anschluss gönnte ich mir noch eine halbe Stunde Dösen im Bett. So sollte ich fit sein für den Fußballabend. Zumindest die erste Halbzeit will ich später mit ein paar Leuten außerhalb der Klinik auf einer Großleinwand gucken. Außerdem hätte ich gern ein Bier dazu – nach 15 Tagen Abstinenz. Das habe ich mir zur Feier meines Mutes verdient.