Abschiedstournee

Tag 31 und 32 Sonntag und Montag

Vor einer Woche hatte ich mein persönliches Waterloo hier, weil ich mich ausgegrenzt und nicht zugehörig gefühlt habe, als alle anderen zum Feiern gegangen sind. Heute Abend ist mein Abschied dran. Ich bin eingeladen worden, ihn gemeinsam mit den anderen, die in dieser Woche noch abreisen werden, zu feiern. Es war ein schönes Gefühl als N. mich gefragt hat. Soeben haben wir uns unabhängig voneinander im Supermarkt getroffen und die notwendige Ausstattung für die Feier am See gekauft. In der Woche, die zwischen diesen beiden Erfahrungen lag, hatte ich fast zu wenig Zeit für mich allein. Jeden Abend trafen wir uns in der Kneipe in unterschiedlich großer Runde und auch die kleinen Verabredungen am Tag mit M. oder D. waren schön. Deshalb bin ich bewusst allein gestern zu dem Platz am Wasserfall aufgebrochen, den ich in den letzten Wochen zweimal besucht hatte. Einmal direkt nach der ersten Stunde Kommunikativer Bewegungstherapie als ich so aufgewühlt und wütend war, dann zum zweiten Mal nach meiner langen Rennsteigtour. Da war ich entspannt und hatte Zeit und Lust zum Fotografieren. Gestern kam ich vor den Besucherströmen dort an und musste feststellen, dass der Platz direkt oberhalb des Falles nun mit einem Tor abgesperrt ist, da die Bergziegen in diesem Bereich unterwegs sind. Aber es war wirklich ok. Dieser Teil ist für mich abgeschlossen. Ich konnte mich an den kleinen See setzen und habe mir ein paar ganz konkrete Punkte notiert, die ich zu Hause umsetzen bzw. beibehalten möchte. Das haben wir (als einzige Botschaft im sonst grottenschlechten) Transfervortrag gelernt: Mach deine Ideen konkret. Lege Zeit und Tag fest, sonst verschiebt man es immer weiter und verliert den Ansatz aus den Augen.

Auf dem Rückweg besuchte ich noch eine Höhle, in die ich es aus verschiedenen Gründen bisher nicht geschafft hatte. Mal war die Zeit zu knapp, dann saßen seltsame Typen am Kiosk vor dem Eingang und schreckten mich ab, mal hatte ich auch schlicht keine Lust. Gestern war es anders. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte war, dass ich komplett allein in die 8 Grad kalte und dunkle Höhle gelassen wurde. Keine weiteren Besucher. Keine Aufsichtsperson. Niemand. Nach den ersten paar Metern gab es einen kleinen Ausstellungsbereich. Ich las gerade eine Infotafel als plötzlich das Licht ausging. Der Bewegungsmelder hatte nichts mehr zu erfassen und so war nur noch das Notlicht an. Mein Herz hämmerte in der Brust und am liebsten hätte ich sofort umgedreht und die Höhle Hals über Kopf verlassen. Ich zwang mich ein paar Meter weiterzugehen und hoffte, dass mit dem Licht auch der Panikanfall vorüber geht. Letztendlich habe ich die gesamte Tiefe der Höhle (rund 300m) erkundet und es hat sich auch gelohnt, sie zu besichtigen. Aber ich war trotzdem froh, als ich das Ende erreicht hatte und umdrehen konnte. Kurz vor dem Ausgang waren dann noch zwei weitere Besucher dazugekommen. Ich bin immer noch stolz, es nicht abgebrochen zu haben.

Für den Nachmittag war ich mit M. in der berühmten Waffelstube des Kurortes verabredet und wir genossen das richtig plüschige Café. Den Abend verbrachte ich ziemlich angematscht mit Tee und einem Gefühl von „Oiii, ich könnte mich erkältet haben“ auf meinem Bett und sah den Franzosen zu, wie sie leider die Isländer aus der EM warfen. Allein dafür müssen wir sie am Donnerstag besiegen. Mein Herz schlägt immer für die Underdogs. Wobei lieber in der Version. Sonst hätte ich mich entscheiden müssen für wen ich in Jubel ausbreche…

Meine Nacht zu Montag war die bisher schlechteste der ganzen Rehazeit. Ziemlich ruhelos wälzte ich mich von einer Seite auf die nächste. Unser Sohn befand sich auf einer langen Busfahrt nach Italien und ich konnte nicht abschalten. Alle rationalen Beruhigungsansätze scheiterten und die Erleichterung kam erst heute Mittag mit seiner Nachricht, dass sie gut gelandet sind, er viel schlafen konnte und WLAN hat.

Trotzdem war ich recht fit und hatte die letzte passive Musiktherapie, die letzte Ergotherapie, den letzten Hydrojet (den werde ich vermissen) und meine Abschlussuntersuchung bei der Stationsärztin.

Jetzt gehen wir feiern. So wie es ausschaut, bleibt es auch trocken. Zumindest vom Himmel.

Nervenkrieg

Tag 30 Samstag

Nachdem ich Freitagabend doch mit in den Musikschuppen gegangen war, gönnte ich mir einmal Ausschlafen und ein spätes Frühstück beim Bäcker (hatte mich schön brav am Vortrag abgemeldet). Leider marschierte eine heftige Kaltfront durch die Region und so regnete es schon am Morgen üppig. D. und ich ließen uns davon nicht abschrecken und hatten eine relativ trockene 11 km lange Runde durch die Drachen- und Landgrafenschlucht. Als wir in den Kurort zurückkamen, schien sogar schon wieder die Sonne. Richtig warm war es allerdings nicht.

Da wir bei bestem Wetter am letzten Sonntag die Plätze draußen für dieses Deutschlandspiel reserviert hatten, ging es um 20:00 Uhr dick angezogen in die Kneipe. Das Spiel, das dann folgte, machte meinen Rehaerfolg fast komplett zunichte. Mein Tipp war ein 2:1 für Deutschland, obwohl mir Italien als Gegner echt schwer im Magen lag. Wir waren wirklich die bessere Mannschaft und das unglückliche Handspiel von Boateng mit dem darauffolgenden Elfmeter einfach Pech. Ich bin von einer Anspannung in die nächste gefallen. Tatsächlich fing mein, bis dahin seit mehr als zwei Wochen beschwerdefreier, Nacken an zu zicken. Ich hoffte bis zur 118 Minute auf ein Müller-Tor. Nichts. Das anschließende Elfmeterschießen war der reinste Krimi. Bis zur Erlösung durch Hector verschwand ich immer mal wieder hinter meinem warmen Kragen der Jacke. Bloß nicht hinsehen. Zum Glück ist das Italien-Trauma der deutschen Mannschaft jetzt Geschichte.

Besser als gedacht

Tag 22-24 Freitag bis Sonntag

Jetzt rennt hier die Zeit. Freitag war nur ein halber Rehatag mit Bezugsgruppe, Ergotherapie und Entspannung mit Klangschalen. Darauf hatte ich mich richtig gefreut. Meine erste Erfahrung mit den Klangschalen in der letzten Woche war ein voller Erfolg. Am Abend danach war ich vollkommen beschwerdefrei und bin es eigentlich seit dem immer noch. Jedenfalls im Nacken-Schulterbereich. Dagegen kämpfe ich seit einigen Tagen mit einer Zerrung in der Wade. Im Rückblick betrachtet haben die Klangschalen keine Lockerung der Beinmuskulatur gebracht – wohl aber ein echtes Entspannungsgefühl. Am Spätnachmittag bin ich dann wieder in das Waldbad gefahren. Ich hatte ein paar Leute zum Mitkommen überreden wollen, aber alle hatten noch Nachmittagstherapien. Egal. Ich hatte mir einen neuen Krimi auf den Reader gezogen und bin zum Schwimmen. Leider vertrieb mich eine dunkle Wolke vorzeitig. Heftige Windböen hatten fette Äste auf die Straße geworfen und ich war froh, ohne Probleme zurückgekommen zu sein. Am Abend zog eine Gruppe in die ortsansässige Disko. Das Wetter war aber zu schön für einen Keller und ich habe mich für ein Bier in der Kneipe mit Burgblick entschieden. Mit D. saß ich in der Abendsonne und wir hatten ein recht offenes und persönliches Gespräch über die Gründe, die uns hierher geführt haben. Jedenfalls so offen, wie es zwei Typen wie uns möglich ist. Leider hatten wir dann kurz vor Mitternacht noch Hunger. No way in diesem Ort. Also verspeiste ich die letzte Birne in meinem Zimmer und ging irgendwie hungrig zu Bett.

Samstag kam dann mein bester Freund für ein kurzes Wochenende vorbei. Wir hatten eine schöne Runde über den Rennsteig und hätten es auch fast trocken bis zum Auto geschafft. So sind wir noch einmal richtig nass geworden. War aber egal. Das Wetter hatte viel besser gehalten, als alle Prognosen es vorhergesagt hatten und es war warm. Vollgefressen nach einem leckeren Abendessen war das langweilige, taktische Spiel der Portugiesen gegen die Kroaten eine einschläfernde Partie.

Auch am Sonntag hatten wir blauen Himmel und Sonne beim Aufstehen, eine trockene Wanderung und mit der Wartburg auch noch Kultur vom Feinsten. Das 3:0 der deutschen Mannschaft gegen die Slowakei rundete den Tag ab. Perfekt mit einem guten Freund an der Seite und vielen dummen Sprüchen in der Gruppe beim Fußballgucken in der Kneipe. Ist ein bisschen Ferienlagerstimmung aufgekommen. So macht das Leben Spaß.