Der innere Kritiker

Tag 27-28 Mittwoch und Donnerstag

Oh nee, nicht noch ein Bewohner. Mein inneres Kind und seine Bedürfnisse reichen mir eigentlich schon. Jetzt auch noch dieser Kerl, mit dem man sich beschäftigen sollte… Jetzt ist doch mal genug.

Oder doch nicht?

Durch den Kontakt mit M. bin ich an das Buch: „So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen. Sich annehmen. Freundschaft mit sich schließen, den inneren Kritiker zähmen“ gekommen. Ich habe es ziemlich in einem Rutsch durchgelesen. Sind auch nur 140 Seiten. Das Ganze ist als Übungsbuch gedacht. Das heißt man darf es zu Beginn schnell lesen, dann sollte man oder frau sich aber über drei Monate täglich 30 Minuten Zeit nehmen, um in dem Buch zu lesen und damit zu arbeiten. Puh… Ist das realistisch?

Die mögliche Erkenntnis nach dieser Dompteurleistung mit dem inneren Kritiker ist natürlich bestechend:

An dir ist nichts verkehrt, auch wenn du das Gefühl hast, mit dir stimme etwas nicht.

Du bist liebenswert – auch wenn du nicht perfekt bist.

Der Test im Stressseminar hat gestern folgende Antreibersätze für mich (nach den Erfahrungen der letzten Wochen nicht sehr überraschend) zum Vorschein gebracht:

Sei beliebt!

Sei perfekt!

Das impliziert als Aufforderung natürlich immer die Tatsache, dass ich es nicht bin. Ja, mein Verstand weiß, dass es niemand perfekt sein kann. Aber Dank dem vorlauten Kritiker sind die Gefühle immer schneller.

Ich wage mich an das Thema. Auch wenn mir die Übungen echt schwer fallen werden. Beispielübung 15: Sag zu dir: Ich mag dich … dann sag dir fünf Dinge auf, auf die du stolz bist oder die du an dir magst… Wow.

Die Gespräche mit M. fordern mich zum Umdenken auf. Allerdings weiß ich nicht, wie M. die Umsetzung für sich schaffen will, wenn sie auf andere schaut.

Die andere M., die mit mir angereist war und auch fünf Wochen bleiben sollte, ist heute vorfristig abgereist. Ich hatte mich aus dem Kontakt zurückgezogen, nachdem es ihr so schlecht ging und sie mir auch unterschwellige Vorwürfe gemacht hatte. Wir saßen immer noch am Tisch nebeneinander. Meist kam nur eine oberflächliche Unterhaltung zu Stande. Mein übliches Verhalten wäre gewesen, sie weiter aktivieren oder auch kontaktieren zu wollen. Das habe ich bewusst unterlassen. Trotzdem hatte ich ihr gestern eine nette kleine Karte zum Abschied geschrieben.

Heute bekam ich ebenfalls eine mit folgenden Worten ins Postfach: „… gerne hätte ich dir mehr von meinen anderen Seiten gezeigt, die auf der Vorderseite nicht vermerkt sind, doch du konntest nicht stehenbleiben, um sie zu sehen. Danke für unsere ersten Gespräche …“ Die Karte hatte ich ihr, als Katzenliebhaberin, am Anfang der Reha geschenkt. Sie zeigt die vielfältigen Ausdruckmöglichkeiten der Stubentiger und ist das Bild von heute (und ebenfalls von http://www.juniemond.wordpress.com).

Damit muss ich klarkommen. Ich hatte mich gegen die Beziehungsarbeit entschieden, dann muss ich auch mit Kritik rechnen. Aber es ging nicht so tief wie befürchtet. Vielleicht weil ich auf mich gehört hatte und nicht ihr Wohlbefinden in den Vordergrund gestellt haben. Ich konnte sie nicht anschieben und wollte es dann auch nicht mehr. Die Energie habe ich für mich benötigt.

“Das ist egoistisch. Hast du nicht gesehen, wie schlecht es ihr ging?”

“Doch, habe ich. Aber ich bin hier, weil ich lernen will, mich um mich selbst zu kümmern. Und für dich vorlauten Kerl finde ich auch noch den richtigen Platz.”

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Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.