Praxistest für (neue) Muster

Tag 25-26 Montag und Dienstag

Mein Selbstwertgefühl ist im Wochenende stecken geblieben. Oder es kam mir am Montagmorgen im Frühstücksraum abhanden. Eine Frau begrüßte mich mehr als zurückhaltend und auch in der Gruppe der Aquafitnessleute fühlte ich mich isoliert und nicht zugehörig. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich am Freitag nicht mit zum Tanzen war, da hatte ich mich für das ruhige Gespräch mit D. entschieden. Fehler? Keine Ahnung. Mir war nicht nach Party. Grundsätzlich habe ich immer mehr von direkten 1:1 Kontakten mit anderen Menschen. Außerdem gab es ein paar interessante Parallelen in seinen und meinen Problemlagen. Er tickt ganz ähnlich. Dazu kommt, ich fühle mich selten in Gruppen wirklich wohl. Es ist immer anstrengend für mich. Daher war der ruhige Abend in der Kneipe einfach die passendere Wahl. Aber die Partyerfahrungen der anderen fehlten mir und diese Gruppe hatte dadurch noch enger zusammengefunden. Ich blieb weiterhin außen vor.

Am Montagnachmittag war ich mit zwei Frauen in einem ca. 15 km entfernten Kurort. Eigentlich wollte ich dort allein hinfahren. Weil die beiden aber nach der Ergotherapie fragten, ob wir zusammen einen Kaffee trinken wollen und ich mich eh schon so ausgegrenzt gefühlt habe, habe ich sie zur Fahrt eingeladen. Dabei wollte ich mir die Saline in Ruhe ansehen und eigentlich keinen Stadtbummel machen. So haben wir beides versucht und irgendwie kam auch beides zu kurz. Die Lebensgeschichte der einen Frau aber war wirklich spannend und ich fand es faszinierend, wie sie sich optisch verändert hat, wenn sie lachte. Als wir ganz knapp vor dem Abendessen zurück zur Klinik kamen, bewegte sich eine riesen Gruppe gerade zum Abschiedfeiern in die Kneipe. Ich war nicht eingeladen. Ich gehörte ja auch nicht dazu. Mich fragte dann noch jemand, ob ich auch käme, aber da hatte ich innerlich schon damit abgeschlossen. Trotzdem blieb das schale Gefühl ein Außenseiter zu sein und ich grenze mich natürlich auch selbst wunderbar damit aus.

So ging ich in den Abend und traf mich mit D. Wir landeten in der gleichen Kneipe, wie die, die Abschied feierten, blieben aber beide bewusst im Freien sitzen. Ab und an gesellte sich ein Raucher dazu, aber wir haben zur Gruppe Distanz gehalten. Dann erzählte mir D., dass die Frau, die mich am Morgen geschnitten hatte, auch ihn nun ignoriert, obwohl sie eigentlich einen sehr intensiven Gesprächskontakt hatten. Das brachte mein emotionales Fass zum Überlaufen. Ich hatte den Flashback zurück in meine Schulzeit. Auch dort gab es diese Mädchenspielchen, die ich nie durchschaut habe und in die ich auch nie gepasst habe. Dieses elende Schmollen und Ausgrenzen. Schon immer konnte ich mich gut mit Jungs und später mit Männer verständigen. Und schon immer gab es dann Mädchen und später Frauen, die darauf heftig reagiert haben.

Ich habe an dem Abend jedoch definitiv überreagiert und gesagt: „Hätte ich gewusst, dass da Besitzansprüche ins Spiel komme, dann hätte ich keine Gespräche mit dir geführt.“ Zu Recht hat das D. getroffen. Wir sind dann mit anderen zur Klinik zurück und D. hat später per WhatsApp den Kontakt mit mir für beendet erklärt. Puh. Das saß. Kontaktabbruch ist doch mein Muster! Ich habe noch geantwortet, dass ich das so per WhatsApp nicht akzeptiere, wenigsten ein kurzes Gespräch noch möchte und mich auch entschuldigt für meine Reaktion. Er las es nicht. Die Nachricht konnte nicht zugestellt werden. Somit war entweder das Handy aus oder mein Kontakt gelöscht. Ich hatte nicht einmal die Chance bekommen, mich zu erklären.

Beruhigt sah ich am nächsten Morgen, dass D. die Nachricht zumindest gelesen hatte. Eine Antwort bekam ich allerdings nicht.

Eigentlich wollte ich am Dienstag ein Thema in die Bezugsgruppe einbringen. Vor dem Abendeklat hatte ich in aller Ruhe mir die wichtigsten Stichpunkte zusammengeschrieben. Aber mit dem völligen Zusammenbruch meines Selbstwertgefühls und dem Flashback zurück in meine Jugend, konnte ich kaum etwas sagen in der Gruppe, geschweige denn mein Thema diskutieren lassen. Das tat dann überraschenderweise M. Sie beschrieb mit ihrem Problem genau mich. Sie reagiert anders. Während ich meine Fassade hochziehe, mimt sie die Fröhliche und kümmert sich um alle. Aber das zu Grunde liegende Muster ist die gleiche: Ablehnung der eigenen Person. Das nicht spüren können, dass man passt, so wie man ist. Sich selbst zu mögen. Gut und gnädig zu sich selbst zu sein. Lob spüren zu können. Nicht nur (vermeintliche) Kritik.

Ich bedankte mich bei M. für ihren Mut und ging komplett aufgewühlt in die Kommunikative Bewegungstherapie. Dort waren D. und auch die Frau, die scheinbar in Konkurrenz zu mehr steht, Teilnehmer der Gruppe. Das Ungeklärte stand im Raum und war für mich fast greifbar. Aufgabe der Stunde war an Hand von frei zu wählenden Materialien pantomimisch zu erklären, wie wir hergekommen sind, was wir hier bekommen haben, was wir hier lassen wollen und was wir mitnehmen. Was ich hier erfahren habe, ist wieder ein Gespür für mein Wohlbefinden und für meine Geborgenheit. Ich weiß, wie ich es bekomme, woher ich es nicht mehr bekomme (von meinen Eltern) und wie gut es tut. Mich hat es emotional so aufgelöst, dass ich den Raum verlassen musste. Ich wollte vor den anderen nicht weinen, war aber so unendlich traurig. Ich konnte jedoch nach ein paar Minuten in den Raum zurückkehren und weiter an der Stunde teilnehmen. Das war eine ganz wertvolle Erfahrung, denn die Gruppe sollte für jeden Teilnehmer das zusammenstellen, was er oder sie für den weiteren Weg benötigt. Das hat in meinem Fall dazu geführt, dass die Gruppe mich in mehrere Decken gewickelt hat und ich ganz viel Wärme und Nähe der Gruppe gespürt habe. Die Frau, die in die Distanz zu mir gegangen war, blieb auch während der Übung mit einer anderen dort. Aber das war nicht entscheidend für das Gefühl des Angenommenseins. Der Therapeut begleitete es in der Auswertung mit den Worten: „Sie wissen was Sie brauchen. Sie können es zeigen und Sie haben es bekommen. Trauen Sie sich.“ Vollständig geflasht von den Emotionen, wollte ich nur zurück in mein Zimmer, um mich wenigstens bis zum Mittagessen wieder beruhigt zu haben. Da sprach mich D. noch an, wie es mir geht und wann wir reden wollen. Das war dann endgültig zu viel an Zuwendung und ich bin in mein Zimmer geflüchtet. Halbwegs wieder hergestellt, ging ich zum Mittagessen. Ich lief M. über den Weg, die mir genau ansah, was in mir seit der Gruppenstunde passiert war. Wir lagen uns direkt vor dem Speisesaal heulend in den Armen und es war mir scheißegal, wer mich dabei sah. Sie fühlte sich sofort verantwortlich für meine Gefühle (wie gut ich das nur kenne…) und wir bestätigten uns gegenseitig in Tränen aufgelöst, dass es ok ist, wie wir sind und wir in den Kontakt miteinander gehen sollten.

Alle weiteren Termine für den Nachmittag habe ich abgesagt. Ich bin zu der kleinen Manufaktur im Ort gelaufen. Dort gefiel mir schon seit Tagen ein Ring mit einem bestimmten Muster. Jetzt wird er für mich in meiner Größe und in einer bestimmten Form individuell angefertigt. Bis zu meiner Abreise wird er fertig sein und vielleicht funktioniert er als Erinnerung an meine Muster und auch als Erinnerung an meinen Wert.

Mit D. hatte ich später ein langes Gespräch im Cafè. Er hat meine Entschuldigung akzeptiert, seine Reaktion erklärt und wir halten den Kontakt. Ich habe beschlossen, ich ziehe mir die Jacke mit der anderen Frau nicht an. Es hat nichts mit mir zu tun. Ich muss mich nicht zurückziehen, damit es dem anderen besser geht. Kontaktabbruch ist nicht die Lösung für alle schwierigen Situationen. Für mich war es schon immer möglich, mit Männern befreundet zu sein ohne irgendwelche weitergehenden Interessen. Ich liebe meinen Mann. Aber deswegen keinen besten Freund zu haben, kam mir noch nie in den Sinn. Wir haben das gestern auch noch diskutiert. Alle waren verwundert, dass mein Freund mich hier am letzten Wochenende besucht hat und ich letztes Jahr lange in den Alpen mit ihm allein unterwegs war. Das wäre sehr außergewöhnlich. Für mich ist es das nicht. Es ist für mich normal. Diese Normalität im Umgang mit anderen Menschen, unabhängig von deren Geschlecht, ist mir jedoch irgendwie erst jetzt bewusst geworden. Ich möchte sie behalten. Allerdings schätze ich das Vertrauen meines Mannes (und meines auch ihn) nach diesem Gespräch deutlich mehr. Also wenn du es liest: „Danke, für diese sichere Basis unserer Beziehung. Ich liebe dich.“

Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

Der schmale Grat

Tag 19 Dienstag

Ich – Ego. Ego ist nicht Egoismus. Authentizität ist nicht Arroganz. Aber was ist es dann? Mir ist es unglaublich schwer gefallen, das Ich-Bild zu verwenden, obwohl es mir für den heutigen Post als erstes in den Sinn kam. Mich in den Mittelpunkt zu stellen. Wer ist „Ich“? Wer bin ich? Was will ich?

Diese Fragen ploppten nach der Kommmunikativen Bewegungstherapie (KBT) auf. Heute war es die 3. Sitzung. Die erste hatte mich so überraschend mit meinen Themen Wut, Schuld und Scham konfrontiert, dass ich emotional aus den Latschen gekippt bin. In den zweiten Termin bin ich dann angespannt und ängstlich gegangen. Dankbar habe ich erlebt, dass der Kontakt zu mir und mit meinem Wohlbefinden keine erneute Achterbahn der Gefühle ausgelöst hat. Für dieses dritte Treffen empfand ich nur Neugier im Vorfeld und die Lust, mehr über mich zu erfahren. Nach dem befreienden Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin letzte Woche und dem perfekten Wochenende zu Hause war ich voller Energie und offen für Neues.

Das Thema Konflikte und zwei Übungen dazu standen auf dem Programm. Die erste Aufgabe bestand darin, auf einem schmalen Grat unterwegs zu sein. Zwei Personen laufen auf einander zu und der Platz reicht nicht, um sich mit Abstand zu begegnen, so dass jeder sicher seinen Weg fortsetzen kann. Eine Option war das Gegenüber vom Grat zu schubsen, die andere Lösungsmöglichkeit bestand darin, gemeinsam – ohne Worte – im Kontakt an einander vorbei zukommen. Jemanden aus den Weg zu räumen, war weder für mich noch, soweit ich es beobachten konnte, für irgendjemand anderen eine Option. Am meisten Sicherheit empfand ich in den Begegnungen, die mit einem hohen Maß an Körperkontakt stattfanden. Keine große Überraschung eigentlich. Allerdings kann ich mich nicht gut umarmen lassen, wenn es mir nicht gut geht. Genau dann, wenn ich doch die Berührung und die damit verbundene Sicherheit am meisten benötige.

Noch interessanter war meine Beobachtung, dass ich mich zu den Personen, die ich als unsicher, schwächer eingeschätzt habe, nach der Begegnung umgedreht habe. Ich bin selbst ein Stück rückwärts gelaufen, um sehen zu können, wie der andere sicher seinen Weg fortsetzt. Dabei bestand durchaus die Gefahr selbst vom Grat zu fallen, denn den eigenen Weg konnte ich so nicht mehr im Blick behalten. Das ist mein Dilemma. Ich achte auf die anderen und viel zu wenig auf mich. In den Bergen ist das sich gegenseitig im Blick haben zwingend notwendig. Aber selbst da sollte man seine Schritte eigenverantwortlich lenken können. Beim Weg gelingt es mir, bei den Befindlichkeiten der anderen eher nicht. Auch nicht in den Bergen. So schön meine Alpenquerung im letzten Jahr auch war, dass ich die Unzufriedenheit und Erschöpfung meines Partners so intensiv wahrgenommen habe, hat erst enormen Frust, dann Wut in mir erzeugt und das gigantische Erleben 21 Tage über die Berge laufen zu können, deutlich geschmälert. Wie dämlich ist das doch? Ich möchte weiterhin wissen, wie es dem Gegenüber geht, aber mich nicht immer anpassen und verbiegen. Zumal gar nicht sicher ist, wie der andere darüber denkt.

Das hat mir die zweite Übung gezeigt. Wir sollten mit einem virtuellen Seil den anderen über eine gedachte Mittellinie ziehen. Unglaublicherweise kann man dabei ins Schwitzen kommen und meine ersten zwei Gegnerinnen hatten ähnlichen Spaß daran wie ich, in diesem Wettbewerb zu bestehen. Die dritte gab auf. Da blieb bei mir ein schales Gefühl. Die nächste habe ich gewinnen lassen. Nicht in dem ich aufgegeben habe, sondern weil ich daran gedacht habe, wie wenig selbstwirksam sie sich in den letzten Jahren erlebt hat. Ich wollte, dass sie sich gut fühlt. Ging komplett nach hinten los. Sie hat das gespürt und mich als die Person markiert, die es ihr deutlich zu leicht gemacht hat, damit hat sie sich abgewertet gefühlt. Pfff… Ich bin ein echter Fan dieser Therapieform geworden. Damit kapiere ich etwas. Ich darf auf mich schauen. Als erstes. Ich darf so sein wie ich bin. Als zweites. Wobei ich immer noch kognitiv an die Sache herangehe und die Gefühle ziemlich hinterher hinken. Nee. Das ist falsch. Die Gefühle sind schneller als die Gedanken. Meine Angst so zu sein, wie ich bin und damit Gefahr zu laufen, abgelehnt zu werden, hält noch den Geschwindigkeitsrekord. Aber die kleinen Erfahrungen so Stück für Stück, dass man mit einer konstruierten Fassade nicht authentisch sein kann und das Gegenüber so auch nicht ernsthaft in Kontakt mit mir kommt, lässt mich umdenken und mutiger werden.

ICH bin passend. Nicht auf jeden Menschen und nicht auf jede Situation. Aber das will ich vielleicht auch gar nicht mehr sein.

 

Was tut mir gut?

Tag 12 Dienstag

Was hat der Tag mir gebracht? Vor allem Rückenschmerzen. Meine Schultern und mein Nacken sind frei. Dafür tut mir jetzt das Kreuz weh. Das kann ein Ergebnis des Fitnesstrainings vom Montag sein. Ich denke aber, es ist eher eine Verschiebung der Anspannung zumal meine linke Hand zittert. Das ist eigentlich ein deutliches Zeichen für zugeknallte Muskeln. Früh um 7:00 Uhr stand Sport auf dem Programm. Drei Runden schnelles Gehen oder Laufen um die Teiche im Kurpark. Morgens ist das nichts für mich. Ich bin da müde und schlechtgelaunt. Mein ganzer Biorhythmus ist der einer Eule. Ich kann problemlos abends noch lange wach sein oder auch arbeiten. Aber bitte lasst mich ausschlafen. Mein Leben zwingt mich zum Aufstehen vor 6 Uhr. Aber es ist nicht meine Zeit. Hier kann ich oft länger schlafen aber spätestens 6:30 Uhr werde ich einmal kurz wach. Soweit habe ich mich doch umgewöhnt. Allerdings kann ich schlecht vor 23 Uhr einschlafen. Damit kippe ich in meinem regulären Leben unter eine Schlafzeit von sieben Stunden und das reicht eigentlich nicht. Ich muss zu Hause an einer Lösung basteln.

Um 9:00 Uhr hatten wir Bezugsgruppe. So richtig kam diese nicht in Schwung. Es fand sich kein Thema für alle. Das war nicht wirklich tragisch, stand doch für mich und einige andere danach die Kommunikative Bewegungstherapie (KBT) auf dem Programm. Davor hatte ich nach der Erfahrung der letzten Woche richtig Schiss. Angst macht auch Anspannung und ich habe es wirklich in jeder Faser meiner Muskeln gemerkt. Wieder sagte mir der Therapeut auf den Kopf zu, dass er mir die Wut ansieht. Diesmal hat es mich nicht so getroffen. Vielleicht weil es nicht unerwartet und so neu war. Vielleicht auch, weil ich noch ein anderes Thema spüre. Schuld. Ich fühle mich ständig schuldig. Bisher habe ich es immer gedacht, ich fühle mich verantwortlich, aber ich fühle mich schuldig. Das ist etwas anderes. Viel tiefergehender. Deutlich wurde es für mich an meiner Beziehung zu M. hier. Die ganze Zeit habe ich den Impuls mich bei ihr für mein Zuspätkommen am Fußballabend zu entschuldigen. Weil ich hoffe, es geht ihr dann besser und sie geht wieder in den Kontakt mit mir. Aber es geht ihr aus ganz anderen Gründen schlecht. Das zeichnete sich schon vor dem verpassten Treffen ab. Ich habe mich bisher nicht entschuldigt. Und hoffe, dass ich dabei bleiben kann. Beim Abendessen habe ich dann Smalltalk betrieben. Das ging und reichte aus.

In der KBT stand das Thema „Wohlbefinden“ auf der Agenda. Wir sollten nach der Anwärmphase einen Ort im Raum suchen und uns in eine Position bringen, die für uns mit Wohlbefinden verbunden ist. Mein erster Impuls war, mich in eine abgegrenzte Ecke unter eine Liege zu legen. Dann erschien mir der Parkettboden aber deutlich zu hart für meinen Rücken. Ich habe mich dann auf die Liege gelegt in eine Nische, die vor den anderen abgeschirmt war. Mit Decke und Kissen. Am liebsten hätte ich geheult, wie am Freitag nach der Einzeltherapie. Zusammengerollt auf der Seite liegend, meine Trauer zugelassen und mich getröstet. Da hatte ich mich wohl und geborgen gefühlt. Wie geht Wohlbefinden mit dieser Situation zusammen? Meine Themen bleiben Wut, Schuld und Trauer. Trotz riesiger Angst vor dem was mir begegnen kann, würde ich gern mit diesem Therapeuten an den Themen weiterarbeiten. Er lässt nicht locker. Ihm könnte ich nicht ausweichen. Bei meiner zuständigen Psychologin bin ich mir nicht sicher, ob ich so in die Tiefe käme. Sie hat mir zu schnell Lösungen parat.

Nach der Therapie war die Post da und so auch ein Buch, das ich auf Empfehlung der Bezugstherapeutin (obwohl sie es nicht gelesen hat!?) bestellt habe: Ben Furman „Es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit zu haben“. JA!!! Mich beschleicht hier immer wieder der Verdacht, dass das Wühlen in der Vergangenheit eine Spirale nach unten ist. Ich sehe was alles für mich suboptimal gelaufen ist und kriege Panik ihm Hinblick auf mein weiteres Leben und meine zukünftigen Handlungen. Jetzt müsste ich langsam die Kurve bekommen und auf meine Ressourcen schauen können. Was sind meine echten Stärken? Was kann ich gut? Woher ist diese Kraft? Was hat mir geholfen und was hilft mir in Zukunft? Ich lese gerne. Ich laufe gerne. Ich steige gerne auf Berge. Ich höre gerne Menschen zu. Menschen erzählen mir viel über sich. Ich schreibe gerne. Tagebuch führe ich seit 32 Jahren. Ich schreibe nur die Sachen auf, die mich intensiv beschäftigen. Gut so. Das ist mein Ventil und es funktioniert. Wenn ich allerdings lese, was ich notiert habe, dann wirkt mein Leben wie eine Aneinanderreihung von emotionalen Katastrophen. Was es nicht ist. Als Gegenspieler habe ich seit Mitte Januar eine separate Tagebuchversion unter der Überschrift „Das war heute gut“. Es gibt wirklich jeden Tag etwas, das gut für mich war. Sogar mehr als eine Sache. Am Anfang war es schwer sich darauf zu konzentrieren. Mittlerweile ist es eine liebgewonnene Routine.

Für den späten Nachmittag hatte ich mich für eine Kräuterwanderung angemeldet. Dachte ich jedenfalls. Als ich pünktlich in der Eingangshalle stand, war niemand da. Leicht irritiert wartete ich fünf Minuten, um dann den Aushang zu studieren. Es standen 10 Leute auf der Liste. Hm. Allerdings für Mittwoch, nicht für Dienstag. Was jetzt? Meine Nordic Walking Verabredung hatte ich wegen der Kräutertour gecancelt. Ich entschied mich für einen weiteren Ausflug zur Burg. Auf dem Weg dahin war die alte evangelische Kirche offen. Von dort stammt das heutige Bild. Auf der Burg war ich lange Zeit allein und genoss den Wind, die dichten Wolken und die Aussicht über das weite Land. Später gesellte sich ein älterer Eifler dazu und wir hatten eine nette Plauderei über seine Reisen. Diese kleinen Begegnungen mit Menschen mag ich sehr.

(sich) Selbst bewusst sein

Tag 8 Freitag

Der Tag begann mit der Chefarztvisite. Hm. Außer dass ich danach das dringende Bedürfnis zum Lüften verspürte, da er intensiv nach Schweiß roch, kann ich nicht viel darüber berichten. Er fragte ebenfalls nach meinen Zielen für diese Reha. Sie sind unverändert. Ich möchte merken, wenn ich in Stress rutsche und gegensteuern können und ich möchte meine Verspannungen in den Griff bekommen. Grundsätzlich bin ich nach einer Woche jetzt hier angekommen und fühle mich im weitesten Sinne wohl.

Heute stand ebenfalls Wiegen auf dem Programm. Was soll ich sagen? Das Gewicht ist unverändert. Wie (fast) alle Frauen würde ich wahnsinnig gern die 40+Kilos wieder loswerden. Leider bin ich da wirklich anfällig und habe jedes Jahr über 40 ein Kilo mehr auf die Hüften bekommen. Meine Hoffnung war, dass ich mich auf dieser Kur kohlenhydratarm ernähren kann. Geht leider überhaupt nicht. Dafür ist das Büfett zu arm an Salaten und die Mittagessen zu sehr Hausmannskost. Dabei hängt im Gang ein großes Plakat zur gesunden Ernährung mit mediterraner Küche. Das ist echt ein Witz. Das Essen ist Sparprogramm. Trotzdem nasche ich abends nicht, esse höchstens noch Obst und habe mittlerweile seit 10 Tagen keinen Alkohol getrunken. So lange habe ich wahrscheinlich seit der Stillzeit von meinem Sohn nicht pausiert. Das Glas Rotwein oder ein Bier zum Grillen gab es in den letzten 10 Jahren schon häufig. Eigentlich gefiel mir das nicht. Aber es war auch ein lieb gewonnenes Ritual ab und an am Abend oder zum Wochenende etwas zu trinken. Hier vermisse ich es nicht. Alkohol ist in der Kurklinik verboten. Außerhalb ist es natürlich möglich, niemand würde es kontrollieren. Aber für mich ist es ein Versuch und ein gutes Gefühl, dass es problemlos geht und ich nicht klammheimlich in eine Abhängigkeit gerutscht bin. Mit dem ganzen Sportprogramm zusammen, fühle ich mich auch weniger schlabberig und aufgedunsen. Und dann zeigt die Waage genau das gleiche Gewicht. Bis auf die Kommastelle. Aber pah, ich lasse mir doch nicht von einer Waage sagen, wie ich mich fühle! Ich fühle mich wirklich leichter und fitter.

Komme gerade aus der Bezugsgruppe. Thema war heute: Wie oute ich mich? Wem sage ich wann und was über meine psychische Erkrankung? Ich habe es auf Arbeit nicht thematisiert. Mich hat auch niemand gefragt. Sicherlich trauen sich die Kollegen auch nicht mich direkt anzusprechen. Aber habe ich nicht die Verpflichtung meinem Team gegenüber und auch eine Vorbildwirkung? Aber ich verliere doch etwas. Das Bild, das ich von mir habe. Das ich von mir nach außen zeige. Ich war die, die immer alles geschafft hat. Meine Brustmuskeln sind bretthart. Meine Hände zittern. Mein Körper zeigt mir ganz klar, hier ist dein Problem. Dieser Blog ist ein Weg des Outings. Natürlich schreibe ich ihn für die meisten Menschen anonym. Ich werde ihn auch nicht auf meinem Facebookprofil posten. Aber ich kann ganz bewusst entscheiden, wem ich den Link schicke. Mittlerweile erhalten ihn immer mehr Menschen in meinem Umfeld. Nicht alle lesen den Blog. Bisher kommentiert auch niemand. Aber ich habe es in der Hand, wem ich was über mich sage. Die Reaktionen darauf sind nicht vorhersehbar. Die Angst ist natürlich da, für einen Psycho gehalten zu werden. Aber das sind auch meine Bilder im Kopf. Meine Bewertungen.

Heute Nachmittag hatte ich dann den von Dienstag verschobenen Einzeltermin bei meiner zuständigen Psychologin. Wir haben das Thema Selbstbewusstsein aufgegriffen. Sich seiner Selbst bewusst sein. Dann finden auch die Gefühle den richtigen Platz und ich kann sie (wieder) freilassen, muss mich nicht verspannen. Selbstbewusstsein bedeutet nicht mit Ellenbogen durch die Welt zu gehen. Ich konnte sehr offen mit der Therapeutin reden. Sie hat mir Empfehlungen für die Ausrichtung meiner Therapie zu Hause gegeben. Ich werde Zeit benötigen und Geduld haben müssen. Die Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend nur über Leistung Zuwendung zubekommen und oft den Ansprüchen nicht genügt zu haben, kann ich nicht einfach vom Tisch wischen. Vergeben, vergessen, verzeihen – geht leider nicht. Meine heftige Reaktion auf den Therapeuten in der Kommunikativen Bewegungstherapie hat sie zum Anlass genommen, den Vorschlag zu machen, dass ich bei ihm in Zusatzstunden gehe. Das macht mir Angst. Diese Stunde hat mich viel Kraft gekostet. Aber ich kann immer klarer benennen, was meine Erfahrungen zum Thema Zuwendung, Anerkennung und Liebe waren und wie ich mich sehe. Die Fragebogenauswertung hat ergeben, dass ich keine Depression habe und keine psychotische Störung. Na immerhin etwas. Die anderen Baustellen reichen.

Später lag ich auf meinem Bett, mein Monster im Arm und habe das kleine, ziemlich traurige Kind in mir getröstet. Mir fehlen mein Mann und mein Sohn so unendlich. Am liebsten wäre ich liegengeblieben. Aber meine Verabredung zum Nordic Walking stand und die Bewegung tat mir gut.