Der innere Kritiker

Tag 27-28 Mittwoch und Donnerstag

Oh nee, nicht noch ein Bewohner. Mein inneres Kind und seine Bedürfnisse reichen mir eigentlich schon. Jetzt auch noch dieser Kerl, mit dem man sich beschäftigen sollte… Jetzt ist doch mal genug.

Oder doch nicht?

Durch den Kontakt mit M. bin ich an das Buch: „So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen. Sich annehmen. Freundschaft mit sich schließen, den inneren Kritiker zähmen“ gekommen. Ich habe es ziemlich in einem Rutsch durchgelesen. Sind auch nur 140 Seiten. Das Ganze ist als Übungsbuch gedacht. Das heißt man darf es zu Beginn schnell lesen, dann sollte man oder frau sich aber über drei Monate täglich 30 Minuten Zeit nehmen, um in dem Buch zu lesen und damit zu arbeiten. Puh… Ist das realistisch?

Die mögliche Erkenntnis nach dieser Dompteurleistung mit dem inneren Kritiker ist natürlich bestechend:

An dir ist nichts verkehrt, auch wenn du das Gefühl hast, mit dir stimme etwas nicht.

Du bist liebenswert – auch wenn du nicht perfekt bist.

Der Test im Stressseminar hat gestern folgende Antreibersätze für mich (nach den Erfahrungen der letzten Wochen nicht sehr überraschend) zum Vorschein gebracht:

Sei beliebt!

Sei perfekt!

Das impliziert als Aufforderung natürlich immer die Tatsache, dass ich es nicht bin. Ja, mein Verstand weiß, dass es niemand perfekt sein kann. Aber Dank dem vorlauten Kritiker sind die Gefühle immer schneller.

Ich wage mich an das Thema. Auch wenn mir die Übungen echt schwer fallen werden. Beispielübung 15: Sag zu dir: Ich mag dich … dann sag dir fünf Dinge auf, auf die du stolz bist oder die du an dir magst… Wow.

Die Gespräche mit M. fordern mich zum Umdenken auf. Allerdings weiß ich nicht, wie M. die Umsetzung für sich schaffen will, wenn sie auf andere schaut.

Die andere M., die mit mir angereist war und auch fünf Wochen bleiben sollte, ist heute vorfristig abgereist. Ich hatte mich aus dem Kontakt zurückgezogen, nachdem es ihr so schlecht ging und sie mir auch unterschwellige Vorwürfe gemacht hatte. Wir saßen immer noch am Tisch nebeneinander. Meist kam nur eine oberflächliche Unterhaltung zu Stande. Mein übliches Verhalten wäre gewesen, sie weiter aktivieren oder auch kontaktieren zu wollen. Das habe ich bewusst unterlassen. Trotzdem hatte ich ihr gestern eine nette kleine Karte zum Abschied geschrieben.

Heute bekam ich ebenfalls eine mit folgenden Worten ins Postfach: „… gerne hätte ich dir mehr von meinen anderen Seiten gezeigt, die auf der Vorderseite nicht vermerkt sind, doch du konntest nicht stehenbleiben, um sie zu sehen. Danke für unsere ersten Gespräche …“ Die Karte hatte ich ihr, als Katzenliebhaberin, am Anfang der Reha geschenkt. Sie zeigt die vielfältigen Ausdruckmöglichkeiten der Stubentiger und ist das Bild von heute (und ebenfalls von http://www.juniemond.wordpress.com).

Damit muss ich klarkommen. Ich hatte mich gegen die Beziehungsarbeit entschieden, dann muss ich auch mit Kritik rechnen. Aber es ging nicht so tief wie befürchtet. Vielleicht weil ich auf mich gehört hatte und nicht ihr Wohlbefinden in den Vordergrund gestellt haben. Ich konnte sie nicht anschieben und wollte es dann auch nicht mehr. Die Energie habe ich für mich benötigt.

“Das ist egoistisch. Hast du nicht gesehen, wie schlecht es ihr ging?”

“Doch, habe ich. Aber ich bin hier, weil ich lernen will, mich um mich selbst zu kümmern. Und für dich vorlauten Kerl finde ich auch noch den richtigen Platz.”

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Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

Der schmale Grat

Tag 19 Dienstag

Ich – Ego. Ego ist nicht Egoismus. Authentizität ist nicht Arroganz. Aber was ist es dann? Mir ist es unglaublich schwer gefallen, das Ich-Bild zu verwenden, obwohl es mir für den heutigen Post als erstes in den Sinn kam. Mich in den Mittelpunkt zu stellen. Wer ist „Ich“? Wer bin ich? Was will ich?

Diese Fragen ploppten nach der Kommmunikativen Bewegungstherapie (KBT) auf. Heute war es die 3. Sitzung. Die erste hatte mich so überraschend mit meinen Themen Wut, Schuld und Scham konfrontiert, dass ich emotional aus den Latschen gekippt bin. In den zweiten Termin bin ich dann angespannt und ängstlich gegangen. Dankbar habe ich erlebt, dass der Kontakt zu mir und mit meinem Wohlbefinden keine erneute Achterbahn der Gefühle ausgelöst hat. Für dieses dritte Treffen empfand ich nur Neugier im Vorfeld und die Lust, mehr über mich zu erfahren. Nach dem befreienden Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin letzte Woche und dem perfekten Wochenende zu Hause war ich voller Energie und offen für Neues.

Das Thema Konflikte und zwei Übungen dazu standen auf dem Programm. Die erste Aufgabe bestand darin, auf einem schmalen Grat unterwegs zu sein. Zwei Personen laufen auf einander zu und der Platz reicht nicht, um sich mit Abstand zu begegnen, so dass jeder sicher seinen Weg fortsetzen kann. Eine Option war das Gegenüber vom Grat zu schubsen, die andere Lösungsmöglichkeit bestand darin, gemeinsam – ohne Worte – im Kontakt an einander vorbei zukommen. Jemanden aus den Weg zu räumen, war weder für mich noch, soweit ich es beobachten konnte, für irgendjemand anderen eine Option. Am meisten Sicherheit empfand ich in den Begegnungen, die mit einem hohen Maß an Körperkontakt stattfanden. Keine große Überraschung eigentlich. Allerdings kann ich mich nicht gut umarmen lassen, wenn es mir nicht gut geht. Genau dann, wenn ich doch die Berührung und die damit verbundene Sicherheit am meisten benötige.

Noch interessanter war meine Beobachtung, dass ich mich zu den Personen, die ich als unsicher, schwächer eingeschätzt habe, nach der Begegnung umgedreht habe. Ich bin selbst ein Stück rückwärts gelaufen, um sehen zu können, wie der andere sicher seinen Weg fortsetzt. Dabei bestand durchaus die Gefahr selbst vom Grat zu fallen, denn den eigenen Weg konnte ich so nicht mehr im Blick behalten. Das ist mein Dilemma. Ich achte auf die anderen und viel zu wenig auf mich. In den Bergen ist das sich gegenseitig im Blick haben zwingend notwendig. Aber selbst da sollte man seine Schritte eigenverantwortlich lenken können. Beim Weg gelingt es mir, bei den Befindlichkeiten der anderen eher nicht. Auch nicht in den Bergen. So schön meine Alpenquerung im letzten Jahr auch war, dass ich die Unzufriedenheit und Erschöpfung meines Partners so intensiv wahrgenommen habe, hat erst enormen Frust, dann Wut in mir erzeugt und das gigantische Erleben 21 Tage über die Berge laufen zu können, deutlich geschmälert. Wie dämlich ist das doch? Ich möchte weiterhin wissen, wie es dem Gegenüber geht, aber mich nicht immer anpassen und verbiegen. Zumal gar nicht sicher ist, wie der andere darüber denkt.

Das hat mir die zweite Übung gezeigt. Wir sollten mit einem virtuellen Seil den anderen über eine gedachte Mittellinie ziehen. Unglaublicherweise kann man dabei ins Schwitzen kommen und meine ersten zwei Gegnerinnen hatten ähnlichen Spaß daran wie ich, in diesem Wettbewerb zu bestehen. Die dritte gab auf. Da blieb bei mir ein schales Gefühl. Die nächste habe ich gewinnen lassen. Nicht in dem ich aufgegeben habe, sondern weil ich daran gedacht habe, wie wenig selbstwirksam sie sich in den letzten Jahren erlebt hat. Ich wollte, dass sie sich gut fühlt. Ging komplett nach hinten los. Sie hat das gespürt und mich als die Person markiert, die es ihr deutlich zu leicht gemacht hat, damit hat sie sich abgewertet gefühlt. Pfff… Ich bin ein echter Fan dieser Therapieform geworden. Damit kapiere ich etwas. Ich darf auf mich schauen. Als erstes. Ich darf so sein wie ich bin. Als zweites. Wobei ich immer noch kognitiv an die Sache herangehe und die Gefühle ziemlich hinterher hinken. Nee. Das ist falsch. Die Gefühle sind schneller als die Gedanken. Meine Angst so zu sein, wie ich bin und damit Gefahr zu laufen, abgelehnt zu werden, hält noch den Geschwindigkeitsrekord. Aber die kleinen Erfahrungen so Stück für Stück, dass man mit einer konstruierten Fassade nicht authentisch sein kann und das Gegenüber so auch nicht ernsthaft in Kontakt mit mir kommt, lässt mich umdenken und mutiger werden.

ICH bin passend. Nicht auf jeden Menschen und nicht auf jede Situation. Aber das will ich vielleicht auch gar nicht mehr sein.

 

Kleine Schritte

Tag 18 Montag

Trotz Frühsport um 7:00 Uhr begann der Tag sehr ruhig und blieb entspannt. Viele fragten mich nach meinem Wochenende und ich konnte gnadenlos vom Konzert und dem leckeren Essen daheim schwärmen. Die Termine waren sehr weit über den Tag verteilt. So hatte ich erst um 10:00 Uhr wieder die passive Musiktherapie mit Rimsky Korsakov „Scheherazade – Geschichten aus 1001 Nacht“. Ich hatte mir diesmal keine Bodenmatte geholt, sondern war auf einem Stuhl sitzengeblieben. Mir war die Gefahr einzuschlafen zu hoch. Gute Entscheidung. Mein Nachbar schnarchte ab und an. Ich docke nicht an dieser Therapieform an. Ich sehe keine Bilder. Ich bin auch nicht aufgewühlt und nachher geht es mir genauso wie vorher. Ich reagiere eher auf Liedtexte, weniger auf rein instrumentale Stücke. Vielleicht liegt das an meiner eingeschränkten Hörfähigkeit. Vielleicht würde eine andere Therapie noch mehr Bewegung in meine Gedanken bringen. Ist das jetzt verlorene Zeit? Aber ich kann das auch gut aushalten. Für die zweite Musiktherapiestunde in dieser Woche habe ich mich allerdings schon abgemeldet. Sie ist direkt im Anschluss an meine Einzeltherapie und danach brauche ich mit Sicherheit Zeit für mich. Nächste Woche ist auch die reguläre Musiktherapeutin aus dem Urlaub zurück. Im Moment macht den Kurs eine Vertretung und die Dame ist nicht besonders gut in der Gesprächsphase. Oft kommt sie mit einer Hausfrauenpsychologie um die Ecke und ist ungeeignet, wenn es jemanden schlecht geht.

Um 14:00 Uhr war wieder Visite, diesmal mit der netten Oberärztin vom Aufnahmetag. Sie fragte mich, was man mir noch Gutes tun könne. Das fand ich einfach nur nett. Auch wenn mir nichts eingefallen ist. Mir und meinem Rücken geht es im Moment gut.

M. geht es besser. Sie tritt wieder in Kontakt mit anderen Menschen, war am Wochenende auch mit dem Blumenschenker unterwegs und wirkt insgesamt offener. Wir haben am Abend einen Runde durch den Ort gedreht und sie hat mir ein bisschen was erzählt. Es war gut für mich zu erfahren, dass sich ihre Situation auch ohne meinen Einfluss verändern kann. Ich bin nicht für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Sie war mein Übungsfeld und es ist gut gegangen. Allerdings muss man neue Erfahrungen ein paar hundert Mal machen bevor sie in ein Muster übergehen. Puh, das ist noch ein ganzes Stück Weg.

Halbzeitpause

Tag 15-17 Freitag-Sonntag

Die Therapiestunde am Donnerstag hat bei mir ein hohes Maß an Erleichterung und Lockerung hervorgebracht. Ich fühle mich frei(er) in den Gedanken und in meinen Muskeln. Zwar bin ich mir sicher, dass ich noch lange nicht durch meine Themen durch bin, aber ich habe deutlich mehr Kontakt zu mir und meinen Gefühlen. Das kleine Kind in mir hat seine Stimme wiedergefunden und Gehör erhalten. Ich habe das Gefühl, so braucht es sich dann nicht ganz so wütend und bockig in die Ecke zu werfen, wenn es Bedürfnisse anmeldet.

Der Freitag begann mit Frühsport (die drei üblichen Runden um den See), dann folgte ein Treffen in der Bezugsgruppe. Diesmal waren wieder drei neue dabei und wir hatten eine Vorstellungsrunde. Ich finde es immer spannend zu hören, aus welcher Situation heraus die Menschen kommen und auch zu erfahren, wie es den einzelnen nach den bereits vergangenen Wochen geht. Selbst wenn man sich schon zweimal vorgestellt hat, ist es interessant zu sehen, was der andere diesmal in den Mittelpunkt seiner kurzen Worte stellt. Ein Thema einbringen mag ich nicht. Jedenfalls noch nicht. Mir schwirrt zwar was im Kopf herum, dass ich mir als Fragestellung für die Runde vorstellen kann, aber noch mag ich nicht. Muss ich auch nicht.

In der kompetenzorientierten Ergotherapie habe ich Aquarellbuntstifte ausprobiert und war begeistert. Meine bisher in Schwarzweiß gezeichneten Muster mit Farben zu füllen, war ein echtes Flowerlebnis und die 60 Minuten sind wie im Rausch vergangen. Danach habe ich meine Sachen für Zuhause zusammengepackt. Mein Mann würde doch locker bis zum Abendbrot brauchen, bis er mich abholen käme, also drehte ich noch eine kleine Runde mit V. auf die Burg. Wenigstens ein bisschen Auslauf. Die Wolken hingen tief und der Wind war sehr böig, aber die 4 km machten Spaß und die Wartezeit verging schneller.

Dann ging es endlich nach Hause. Ich saß die Rücktour am Steuer und genoss das Autofahren. Es tat so gut, meinen Mann, meinen Sohn und mein Zuhause wiederzusehen. Allen geht es gut. Mein Mann schafft das Familienleben zu managen – auch wenn dann keine Zeit für anderes bleibt. Welch‘ Überraschung. Meinem Sohn geht es gut. Er freute sich sehr, mich zu sehen. Ich mache mir schon oft Gedanken, wie er Themen aufnimmt, was ihn trifft, was er vielleicht unerwartet locker nimmt. Er ist ähnlich dünnhäutig wie ich, aber nun war er entspannt drauf und freute sich auf das Wochenende. Das tat mir unendlich gut. Ich muss mir keine Sorgen machen. Das ist auch ein Lernweg für mich. Ich sollte mehr im Hier und Jetzt sein. Sorgen kann ich mir machen, wenn eine bedenkliche Situation eingetreten ist. Aber nicht vorher. Mein Garten grün und blüht. Allen meinen Blumen geht es gut. Sie werden liebevoll versorgt. Der Kater begrüßte mich lautstark und verbrachte die Nacht neben meinem Kopf. Da liegt er eigentlich nie. Anscheinend hat er in meiner Abwesenheit das Kopfkissen okkupiert. Ob er einfach die Gunst der Stunde genutzt hat, weil ich ihn nicht verscheuche oder ob ich ihm fehle, keine Ahnung. Mein Mann lässt ihn gewähren. Vielleicht ist er auch ein wenig einsam.

Am Samstag spielte Udo Lindenberg im Stadion seine „Panik-Tour“ und ich war mit meiner Freundin zum Konzert. Die neuste Scheibe vom Altmeister des deutschen Rock „Stärker als die Zeit“ besticht durch ihre offenen und ehrlichen Texte. Er legte schon 2015 in Berlin eine Mördershow hin und spielte auch diesmal 2 ½ Stunden durch ohne Pause. Der einzige Tribut an sein mittlerweile 70jähriges Alter, war ein Kniekissen, wenn er sich theatralisch auf die Bühne fallen ließ. Es war gigantisch und bewegend. Sogar das Wetter spielte mit, wir blieben trocken. Ich habe mir noch ein T-Shirt gekauft mit dem Aufdruck: „Eine muss den Job ja machen.“ Das sehe ich durchaus mit einem Augenzwinkern. 2012 habe ich Udo wieder entdeckt – auch in einer Phase, in der es mir nicht so gut ging. Damals war „Ich mach‘ mein Ding“ meine Hymne geworden. Leider habe ich zwischendrin diese Idee aus den Augen verloren und mich damit auch ein Stück. Ich habe mich viel zu sehr damit beschäftigt, was der oder die anderen von mir vermeintlich wollen. Dieses Gefühl für alles verantwortlich zu sein, (etwas) schuldig zu sein, ist ein Allmachtsgefühl aus der Kindheit. Irgendwie bin ich dabei noch nicht erwachsen geworden. Mittlerweile sollte ich wissen, dass kein Mensch alles in der Hand hat oder haben kann.

Der Sonntag begann sehr entspannt mit Ausschlafen und einem langen Frühstück. Wir hatten einen ruhigen Tag und mein Mann besiegt mich (wie immer) im Tischtennis. Ich widerstand den Verlockungen zum Aufräumen, Unkrautjäten, Putzen und blieb im Gastmodus. Das war sehr angenehm. Bis auf ein wenig Papierkram und meine Wäsche habe ich den Haushalt Haushalt sein lassen. Geht doch. Ben war bei seinem Freund, kam dann zum Abendessen zurück. Gemeinsam genossen wir ein leckeres Hühnchen und dann starte ich mit meinem Auto zurück in die Rehaklinik. Lust hatte ich keine. Mir geht es gut im Moment. Ich habe keinerlei Rückenschmerzen und das Gefühl, mir deutlich näher gekommen zu sein. Die Rückfahrt verlief schnell und ohne Stau. Kurz vor der Ankunft in der Klinik hatte ich um 21:30 Uhr einen phänomenalen Sonnenuntergang am Horizont und Udo lief die ganze Zeit auf voller Lautstärke im Auto.

Ich trag dich durch die schweren Zeiten

So wie ein Schatten werd ich dich begleiten

Ich werd dich begleiten, denn es ist nie zu spät

Um nochmal durchzustarten

Weil hinter all den schwarzen Wolken

Wieder gute Zeiten warten.

(U. Lindenberg)

Hinter der Fassade

Tag 14 Donnerstag

Ich habe mich heute getraut in der Einzeltherapie über meine Wut, meine Trauer und meine Schuldgefühle zu reden. Augen zu und durch. Egal was die Therapeutin davon hält. Die Angst und Scham bewertet zu werden, kann nicht mehr schlimmer werden. Sie lähmt mich, sie blockiert mich. Mir begegnen hier so viele Verdränger und Halbleichen. Das ist meine Chance einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Den Kreislauf aus Schuld, Scham und kopfloser Verantwortungsübernahme zu durchschauen und irgendwann auch zu durchbrechen. Genau hinzusehen, wann das innere Kind mit seinen Bedürfnissen das Steuer übernimmt und mich als Erwachsene hilflos im Regen stehen lässt. Es war ungeheuer anstrengend. Meine Nacht war eh zu kurz, das Frühstück rutschte nicht und die heißgeliebte Hydrojetmassage blieb wirkungslos. Selbst als ich vor der Tür der Psychologin saß, war ich mir nicht sicher, ob ich mich öffnen würde. Es war schlimmer als jede Prüfungssituation.

Fazit: Sich zu öffnen hat sich gelohnt. Ich habe mich angenommen, ernstgenommen und bestärkt gefühlt. Ich weiß genauer, was mir fehlt oder gefehlt hat. Wie ich das bekomme und ob ich es überhaupt noch einmal erhalten kann, dass weiß ich nicht. Aber ich komme in den Kontakt mit mir und ich sehe eine echte Chance, meine Stärken wieder zu finden. Eine Rückführung in Bilder und Orte meiner Kindheit hat nicht funktioniert. Soweit bin ich (noch) nicht. Vielleicht ist es auch nicht mein Weg. Ich kann mich viel eher über die Bewegung öffnen und in Kontakt mit meinen Gefühlen kommen.

Daher tat mir die Nordic Walking Runde am Mittag auch richtig gut. Wir waren in hohem Tempo 80 Minuten unterwegs. Danach hatte ich allerdings wenig Zeit zum Ausruhen und es ging direkt mit Entspannungsübungen weiter. Ein hohes Risiko dabei einzupennen hatte nicht nur ich. Neben mir schnarchte es lautstark. Im Anschluss gönnte ich mir noch eine halbe Stunde Dösen im Bett. So sollte ich fit sein für den Fußballabend. Zumindest die erste Halbzeit will ich später mit ein paar Leuten außerhalb der Klinik auf einer Großleinwand gucken. Außerdem hätte ich gern ein Bier dazu – nach 15 Tagen Abstinenz. Das habe ich mir zur Feier meines Mutes verdient.

Schlaflos – Zwischen den Welten

Tag 13 Mittwoch

Kann nicht einschlafen, dann kann ich auch den Post noch fertig schreiben. Herumwälzen im Bett bringt nichts. Lässt mich nur grübeln. Über den morgigen Tag. Ich habe wieder eine Einzeltherapie und will die Themen Wut, Schuld, Trauer ansprechen. Wobei die Schuld und die damit verbundene Scham im Vordergrund für mich steht. Das kann ich nämlich wunderbar – mich (fremd)schämen. Egal ob es bei meinem Mann, nach einem Bier beim ihm zu viel, ist oder der oberpeinliche Auftritt irgendeines Deppen im Fernsehen (der das meist freiwillig macht und auch noch Geld dafür kassiert). Ich halte das nicht gut aus. Dann möchte ich am liebsten im Erdboden versinken und erst wieder auftauchen, wenn die Situation vorbei ist. Auch wenn ich Fehler mache, geht es mir so. Ich bin mit dem Satz aufgewachsen: „Das macht man nicht. Was sollen die Leute davon denken?“ Das hätte ich morgen gern als mein Thema. Die Therapeutin will mich in meine Kindheit zurückführen. Ich soll mich an eine Erfahrung erinnern und sie will das begleiten.

Heute war eher ein ruhiger Tag. Ich konnte lange schlafen und hatte um 10:00 Uhr Passive Musiktherapie. Wir haben mehrere Tänze aus dem Nussknacker von Tschaikowsky gehört. Bilder hatte ich dazu keine, auch keine tiefgehenden Gefühle. Vielleicht sollte ich diese Therapieform abwählen. Ich habe mich nicht einmal besonders gut entspannt. Mein Rücken fand die Lage auf dem Boden doof und schmerzte weiter. Das Rückenproblem habe ich auch in der Chefarztvisite angesprochen. Man bot mir Schmerzmittel an. Nun gut, die habe ich auch selbst dabei. Eine manuelle Massage habe ich nicht bekommen aber meine Fangopackungen werden ausgeweitet.

Am frühen Nachmittag hatte ich meine erste Klangschalen-Entspannung. Das war eine geniale Erfahrung. Die Dame hat uns mit ihrer angenehmen Erzählstimme erst auf eine kurze Traumreise geschickt und uns dann die Schalen auf den Bauch gestellt und zum Schwingen gebracht. Die Resonanz spürte ich tief in mir. Kurz nach der Sitzung habe ich keine Veränderung bemerkt. Meine Nachruhezeit war leider sehr kurz, da ich noch eine Geräteeinweisung für den Fitnessraum im Anschluss hatte, aber später waren meine Rückenschmerzen weg. Komplett weg und das Ganze ohne eine Tablette. „Faszinierend.“, wie Mr. Spock sagen würde.

Die zu knappen Übergänge zwischen den einzelnen Anwendungen habe ich heute auch in der Visite beklagt. Morgen werde ich daher einen Termin ausfallen lassen. Der schweißtreibende Fitblock würde nahtlos in die Therapiestunde übergehen, das mache ich nicht mit. Ich soll hier auch lernen auf das zu schauen, was mir gut tut oder eben auch nicht. Bisher habe ich alle Maßnahmen mitgemacht, ich halte mich schon an die Spielregeln aber Eigenverantwortung habe ich auch.

Meine Jungs zu Hause waren heute zu einer Schweigeminute für die Opfer von Orlando. Ich wäre gerne bei ihnen gewesen. Sie haben mich per WhatsApp einbezogen. Aber dabei sein ist etwas anderes. Mein Mann hat sie begleitet – auch ohne mich. Damit habe ich nicht gerechnet. Es hat mich riesig gefreut, dass er es getan hat. Wir müssen ein Zeichen setzen gegen Homophobie. Öffentlichkeit ist wichtig. Gerade als Eltern sollten wir zeigen, dass wir stolz auf unsere Kinder sind. Mein Herz ist heute zu Hause und ich freue mich auf das Wochenende.