Der Kreis schließt sich

Tag 34-36 Mittwoch bis Freitag

Diesen Eintrag schreibe ich zu Hause auf meiner Terrasse. Heute war mein erster Arbeitstag. Er ist gut verlaufen und ich habe mich gefreut, wieder ins Büro zu gehen. Mich erwartete ein Willkommensschild und ein Blumenstrauß. Das tat einfach gut. Ich habe es ruhig angehen lassen und nach fünf Stunden Feierabend gemacht.

Gestern bin ich nach dem Frühstück und der Verabschiedung von einigen wenigen, wichtigen Leuten erst noch nach Oberhof gefahren, bevor ich nach Hause gestartet bin. Ich hatte das Glück, Skispringern beim Üben Zusehen zu können. Das Wetter war perfekt und die Rücktour schnell und staufrei, natürlich mit Lindenberg in voller Lautstärke. Mein Mann kam früher von Arbeit und wir haben mit Freunden gegrillt und später die Niederlage der Deutschen gegen die Franzosen gesehen. Das hat schon ein wenig die Stimmung getrübt. Aber es ist einfach nur schön, wieder zu Hause zu sein. Jetzt fehlt nur noch mein Sohn, dann sind wir wieder komplett.

Habe ich meine Ziele in der Reha erreicht? Was waren sie? Am Tag 1 habe ich sie so formuliert: „Ich möchte merken, wenn ich in Stress rutsche und gegensteuern können. Ich möchte meine Verspannungen aktiv lockern können, besser einschlafen und weniger Kopfschmerzen.“ Eine Menge davon ist erreicht. Ich merke, wenn ich in Stress gerate, wenn die Gedanken um ein Thema kreisen. In der Reha konnte ich meine Verspannungen wieder lösen und ich hatte die letzten drei Wochen fast keine Kopfschmerzen. Das Einschlafen gelang unterschiedlich gut. Allerdings war ich dort auch keinen Tag komplett übermüdet, wie es mir zu Hause oft passiert ist. Also viel erreicht.

Mit dem Blick hinter meine Fassade habe ich auch meine Ziele angepasst. Ich möchte merken, wenn der innere Kritiker mit fiesen Sprüchen das Ruder übernimmt und meine beiden Antreibersätze „Ich will perfekt sein.“ und „Ich will beliebt sein“ mein Handeln und Denken bestimmen. Dazu braucht es aber noch deutlich mehr Zeit als diese fünf Wochen. Und ich will mehr mit meinen Freunden reden, mehr meine Gefühle zulassen. M. hat mir zum Abschied ein Buch geschenkt: “Soforthilfe bei Schwarzsehen, Selbstzweifeln, Pech und Pannen”. Ich glaube, das werde ich noch ziemlich oft benötigen. Sie hat von mir den Link für diesem Blog bekommen und war einigermaßen schockiert, wie ausgegrenzt ich mich gefühlt habe. M. hatte ein ganz anderes Bild von mir. Ich wäre in ihren Augen so tough gewesen… Meine Fassade war ziemlich perfekt.

In diese alten Muster will ich nicht zurück. Mein wunderschöner Ring ist fertig geworden. Ich trage ihn mit Leidenschaft als Erinnerung an diese fünf Wochen und als ein Versprechen:

Mich so zu mögen, wie ich bin.

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Besser geht’s nicht

Tag 33 Dienstag

Ein Tag der emotionalen Highlights. Was wähle ich aus? Die Gruppenstunde, in der ich mir zum Abschluss eine Rückmeldung zu einem meiner Themen gegönnt habe? Das Feedback der Therapeutin? Die unerwarteten Gespräche auf dem Gang? Die Erfahrungen in der Pferdetherapie? Oder den Abschluss mit D. auf der Burg?

Das alles waren Erfahrungen, die erst durch die fünf Wochen hier möglich geworden sind. Mit D., den Gruppenverabschiedungen nerven und der daher am See nicht dabei war, noch einmal auf der Burg in den Sonnenuntergang zu schauen, eine Flasche Rotwein zu leeren und über die Zeit hier zu reden, war nur möglich, weil ich den Kontakt trotz gegenteiliger Impulse und Sticheleien nicht beendet hatte.

Die Rückmeldung meiner Bezugstherapeutin, dass sie eine positive Prognose für meine weitere Entwicklung sieht, konnte ich hören, annehmen und mich darüber freuen. Genau mit diesem Gefühl gehe ich auch von hier fort.

Das ist noch keine Entscheidung zur Durchführung der Kieferkorrektur nach der Reha treffen kann und mir ein Feedback aus der Gruppe geholt habe, war auch erst so am Ende der Zeit hier für möglich. Die Impulse aus der Gruppe waren sehr unterschiedlich, ich konnte jeden für sich so stehen lassen und mir die Teile rausnehmen, die ich weiterdenken möchte. Schwer fällt es immer noch anzunehmen, wenn jemand sagt, dass ich eine offene und intensive Ausstrahlung habe und meine Augen das Sprechendste an mir sind. Wobei, wenn man mich fragt, was mir an meinem Gesicht am besten gefällt, würde ich immer meine Augen wählen.

Ja, und dann waren das noch die Pferde. Von M. überredet, bin mit zu einer Therapiestunde außerhalb der Klinik gefahren. Bisher waren Pferde für mich nur furchteinflößend groß und unberechenbar. Vor Aufregung war ich vor der Abfahrt zum Reiterhof mehrfach auf dem Klo und bis zum Koppelzaun mir nicht sicher, ob ich durch die Tür käme. Aber ich will einfach mehr Mut zeigen und mich nicht mehr von meinem Kopfkino an neuen Erfahrungen hindern lassen. Fazit: Pferde spüren sehr genau, was man ihnen anzubieten hat. Ist es Sicherheit und Klarheit, dann nehmen sie es an und lassen sich führen. Sobald man zweifelt oder orientierungslos ist, bleiben sie stehen oder fangen an zu grasen. Ich wusste nicht, was ich mit meinem Pferd machen sollte. Ich hatte keinen Plan und war mit der Kontaktaufnahme beschäftigt. Fühlen, streicheln, Bremsen verscheuchen. Dann habe ich gelernt, es in die Bewegung zu bringen und dem Pferd ein Ziel zu geben, mit mir an seiner Seite als Führung. Beide Pferde konnte ich mehrere Runden führen, auch über Stangen die am Boden lagen. Manchmal blieben sie plötzlich stehen und fraßen, ließen sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Dann musste ich sie (und mich) wieder motivieren. Das war richtig anstrengend und nach einer Stunde war meine Kraft erschöpft. Der Therapeut bot mir an, dass ich mich als Entspannung auf das Pferd legen könnte. Das ging nicht für mich. Ich wollte mein Pferd nur noch streicheln, das weiche Fell fühlen, den warmen, starken Körper wahrnehmen. Die Erinnerung daran, was ich immer an Geborgenheit gesucht und vermisst habe, kam wieder und die Trauer war da. So stand ich an das Gras rupfende Pferd gelehnt, eine Hand in der Mähne, guckte in die Landschaft und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich war zufrieden und traurig. Und durfte beides sein.

Praxistest für (neue) Muster

Tag 25-26 Montag und Dienstag

Mein Selbstwertgefühl ist im Wochenende stecken geblieben. Oder es kam mir am Montagmorgen im Frühstücksraum abhanden. Eine Frau begrüßte mich mehr als zurückhaltend und auch in der Gruppe der Aquafitnessleute fühlte ich mich isoliert und nicht zugehörig. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich am Freitag nicht mit zum Tanzen war, da hatte ich mich für das ruhige Gespräch mit D. entschieden. Fehler? Keine Ahnung. Mir war nicht nach Party. Grundsätzlich habe ich immer mehr von direkten 1:1 Kontakten mit anderen Menschen. Außerdem gab es ein paar interessante Parallelen in seinen und meinen Problemlagen. Er tickt ganz ähnlich. Dazu kommt, ich fühle mich selten in Gruppen wirklich wohl. Es ist immer anstrengend für mich. Daher war der ruhige Abend in der Kneipe einfach die passendere Wahl. Aber die Partyerfahrungen der anderen fehlten mir und diese Gruppe hatte dadurch noch enger zusammengefunden. Ich blieb weiterhin außen vor.

Am Montagnachmittag war ich mit zwei Frauen in einem ca. 15 km entfernten Kurort. Eigentlich wollte ich dort allein hinfahren. Weil die beiden aber nach der Ergotherapie fragten, ob wir zusammen einen Kaffee trinken wollen und ich mich eh schon so ausgegrenzt gefühlt habe, habe ich sie zur Fahrt eingeladen. Dabei wollte ich mir die Saline in Ruhe ansehen und eigentlich keinen Stadtbummel machen. So haben wir beides versucht und irgendwie kam auch beides zu kurz. Die Lebensgeschichte der einen Frau aber war wirklich spannend und ich fand es faszinierend, wie sie sich optisch verändert hat, wenn sie lachte. Als wir ganz knapp vor dem Abendessen zurück zur Klinik kamen, bewegte sich eine riesen Gruppe gerade zum Abschiedfeiern in die Kneipe. Ich war nicht eingeladen. Ich gehörte ja auch nicht dazu. Mich fragte dann noch jemand, ob ich auch käme, aber da hatte ich innerlich schon damit abgeschlossen. Trotzdem blieb das schale Gefühl ein Außenseiter zu sein und ich grenze mich natürlich auch selbst wunderbar damit aus.

So ging ich in den Abend und traf mich mit D. Wir landeten in der gleichen Kneipe, wie die, die Abschied feierten, blieben aber beide bewusst im Freien sitzen. Ab und an gesellte sich ein Raucher dazu, aber wir haben zur Gruppe Distanz gehalten. Dann erzählte mir D., dass die Frau, die mich am Morgen geschnitten hatte, auch ihn nun ignoriert, obwohl sie eigentlich einen sehr intensiven Gesprächskontakt hatten. Das brachte mein emotionales Fass zum Überlaufen. Ich hatte den Flashback zurück in meine Schulzeit. Auch dort gab es diese Mädchenspielchen, die ich nie durchschaut habe und in die ich auch nie gepasst habe. Dieses elende Schmollen und Ausgrenzen. Schon immer konnte ich mich gut mit Jungs und später mit Männer verständigen. Und schon immer gab es dann Mädchen und später Frauen, die darauf heftig reagiert haben.

Ich habe an dem Abend jedoch definitiv überreagiert und gesagt: „Hätte ich gewusst, dass da Besitzansprüche ins Spiel komme, dann hätte ich keine Gespräche mit dir geführt.“ Zu Recht hat das D. getroffen. Wir sind dann mit anderen zur Klinik zurück und D. hat später per WhatsApp den Kontakt mit mir für beendet erklärt. Puh. Das saß. Kontaktabbruch ist doch mein Muster! Ich habe noch geantwortet, dass ich das so per WhatsApp nicht akzeptiere, wenigsten ein kurzes Gespräch noch möchte und mich auch entschuldigt für meine Reaktion. Er las es nicht. Die Nachricht konnte nicht zugestellt werden. Somit war entweder das Handy aus oder mein Kontakt gelöscht. Ich hatte nicht einmal die Chance bekommen, mich zu erklären.

Beruhigt sah ich am nächsten Morgen, dass D. die Nachricht zumindest gelesen hatte. Eine Antwort bekam ich allerdings nicht.

Eigentlich wollte ich am Dienstag ein Thema in die Bezugsgruppe einbringen. Vor dem Abendeklat hatte ich in aller Ruhe mir die wichtigsten Stichpunkte zusammengeschrieben. Aber mit dem völligen Zusammenbruch meines Selbstwertgefühls und dem Flashback zurück in meine Jugend, konnte ich kaum etwas sagen in der Gruppe, geschweige denn mein Thema diskutieren lassen. Das tat dann überraschenderweise M. Sie beschrieb mit ihrem Problem genau mich. Sie reagiert anders. Während ich meine Fassade hochziehe, mimt sie die Fröhliche und kümmert sich um alle. Aber das zu Grunde liegende Muster ist die gleiche: Ablehnung der eigenen Person. Das nicht spüren können, dass man passt, so wie man ist. Sich selbst zu mögen. Gut und gnädig zu sich selbst zu sein. Lob spüren zu können. Nicht nur (vermeintliche) Kritik.

Ich bedankte mich bei M. für ihren Mut und ging komplett aufgewühlt in die Kommunikative Bewegungstherapie. Dort waren D. und auch die Frau, die scheinbar in Konkurrenz zu mehr steht, Teilnehmer der Gruppe. Das Ungeklärte stand im Raum und war für mich fast greifbar. Aufgabe der Stunde war an Hand von frei zu wählenden Materialien pantomimisch zu erklären, wie wir hergekommen sind, was wir hier bekommen haben, was wir hier lassen wollen und was wir mitnehmen. Was ich hier erfahren habe, ist wieder ein Gespür für mein Wohlbefinden und für meine Geborgenheit. Ich weiß, wie ich es bekomme, woher ich es nicht mehr bekomme (von meinen Eltern) und wie gut es tut. Mich hat es emotional so aufgelöst, dass ich den Raum verlassen musste. Ich wollte vor den anderen nicht weinen, war aber so unendlich traurig. Ich konnte jedoch nach ein paar Minuten in den Raum zurückkehren und weiter an der Stunde teilnehmen. Das war eine ganz wertvolle Erfahrung, denn die Gruppe sollte für jeden Teilnehmer das zusammenstellen, was er oder sie für den weiteren Weg benötigt. Das hat in meinem Fall dazu geführt, dass die Gruppe mich in mehrere Decken gewickelt hat und ich ganz viel Wärme und Nähe der Gruppe gespürt habe. Die Frau, die in die Distanz zu mir gegangen war, blieb auch während der Übung mit einer anderen dort. Aber das war nicht entscheidend für das Gefühl des Angenommenseins. Der Therapeut begleitete es in der Auswertung mit den Worten: „Sie wissen was Sie brauchen. Sie können es zeigen und Sie haben es bekommen. Trauen Sie sich.“ Vollständig geflasht von den Emotionen, wollte ich nur zurück in mein Zimmer, um mich wenigstens bis zum Mittagessen wieder beruhigt zu haben. Da sprach mich D. noch an, wie es mir geht und wann wir reden wollen. Das war dann endgültig zu viel an Zuwendung und ich bin in mein Zimmer geflüchtet. Halbwegs wieder hergestellt, ging ich zum Mittagessen. Ich lief M. über den Weg, die mir genau ansah, was in mir seit der Gruppenstunde passiert war. Wir lagen uns direkt vor dem Speisesaal heulend in den Armen und es war mir scheißegal, wer mich dabei sah. Sie fühlte sich sofort verantwortlich für meine Gefühle (wie gut ich das nur kenne…) und wir bestätigten uns gegenseitig in Tränen aufgelöst, dass es ok ist, wie wir sind und wir in den Kontakt miteinander gehen sollten.

Alle weiteren Termine für den Nachmittag habe ich abgesagt. Ich bin zu der kleinen Manufaktur im Ort gelaufen. Dort gefiel mir schon seit Tagen ein Ring mit einem bestimmten Muster. Jetzt wird er für mich in meiner Größe und in einer bestimmten Form individuell angefertigt. Bis zu meiner Abreise wird er fertig sein und vielleicht funktioniert er als Erinnerung an meine Muster und auch als Erinnerung an meinen Wert.

Mit D. hatte ich später ein langes Gespräch im Cafè. Er hat meine Entschuldigung akzeptiert, seine Reaktion erklärt und wir halten den Kontakt. Ich habe beschlossen, ich ziehe mir die Jacke mit der anderen Frau nicht an. Es hat nichts mit mir zu tun. Ich muss mich nicht zurückziehen, damit es dem anderen besser geht. Kontaktabbruch ist nicht die Lösung für alle schwierigen Situationen. Für mich war es schon immer möglich, mit Männern befreundet zu sein ohne irgendwelche weitergehenden Interessen. Ich liebe meinen Mann. Aber deswegen keinen besten Freund zu haben, kam mir noch nie in den Sinn. Wir haben das gestern auch noch diskutiert. Alle waren verwundert, dass mein Freund mich hier am letzten Wochenende besucht hat und ich letztes Jahr lange in den Alpen mit ihm allein unterwegs war. Das wäre sehr außergewöhnlich. Für mich ist es das nicht. Es ist für mich normal. Diese Normalität im Umgang mit anderen Menschen, unabhängig von deren Geschlecht, ist mir jedoch irgendwie erst jetzt bewusst geworden. Ich möchte sie behalten. Allerdings schätze ich das Vertrauen meines Mannes (und meines auch ihn) nach diesem Gespräch deutlich mehr. Also wenn du es liest: „Danke, für diese sichere Basis unserer Beziehung. Ich liebe dich.“

Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

Kleine Schritte

Tag 18 Montag

Trotz Frühsport um 7:00 Uhr begann der Tag sehr ruhig und blieb entspannt. Viele fragten mich nach meinem Wochenende und ich konnte gnadenlos vom Konzert und dem leckeren Essen daheim schwärmen. Die Termine waren sehr weit über den Tag verteilt. So hatte ich erst um 10:00 Uhr wieder die passive Musiktherapie mit Rimsky Korsakov „Scheherazade – Geschichten aus 1001 Nacht“. Ich hatte mir diesmal keine Bodenmatte geholt, sondern war auf einem Stuhl sitzengeblieben. Mir war die Gefahr einzuschlafen zu hoch. Gute Entscheidung. Mein Nachbar schnarchte ab und an. Ich docke nicht an dieser Therapieform an. Ich sehe keine Bilder. Ich bin auch nicht aufgewühlt und nachher geht es mir genauso wie vorher. Ich reagiere eher auf Liedtexte, weniger auf rein instrumentale Stücke. Vielleicht liegt das an meiner eingeschränkten Hörfähigkeit. Vielleicht würde eine andere Therapie noch mehr Bewegung in meine Gedanken bringen. Ist das jetzt verlorene Zeit? Aber ich kann das auch gut aushalten. Für die zweite Musiktherapiestunde in dieser Woche habe ich mich allerdings schon abgemeldet. Sie ist direkt im Anschluss an meine Einzeltherapie und danach brauche ich mit Sicherheit Zeit für mich. Nächste Woche ist auch die reguläre Musiktherapeutin aus dem Urlaub zurück. Im Moment macht den Kurs eine Vertretung und die Dame ist nicht besonders gut in der Gesprächsphase. Oft kommt sie mit einer Hausfrauenpsychologie um die Ecke und ist ungeeignet, wenn es jemanden schlecht geht.

Um 14:00 Uhr war wieder Visite, diesmal mit der netten Oberärztin vom Aufnahmetag. Sie fragte mich, was man mir noch Gutes tun könne. Das fand ich einfach nur nett. Auch wenn mir nichts eingefallen ist. Mir und meinem Rücken geht es im Moment gut.

M. geht es besser. Sie tritt wieder in Kontakt mit anderen Menschen, war am Wochenende auch mit dem Blumenschenker unterwegs und wirkt insgesamt offener. Wir haben am Abend einen Runde durch den Ort gedreht und sie hat mir ein bisschen was erzählt. Es war gut für mich zu erfahren, dass sich ihre Situation auch ohne meinen Einfluss verändern kann. Ich bin nicht für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Sie war mein Übungsfeld und es ist gut gegangen. Allerdings muss man neue Erfahrungen ein paar hundert Mal machen bevor sie in ein Muster übergehen. Puh, das ist noch ein ganzes Stück Weg.

Halbzeitpause

Tag 15-17 Freitag-Sonntag

Die Therapiestunde am Donnerstag hat bei mir ein hohes Maß an Erleichterung und Lockerung hervorgebracht. Ich fühle mich frei(er) in den Gedanken und in meinen Muskeln. Zwar bin ich mir sicher, dass ich noch lange nicht durch meine Themen durch bin, aber ich habe deutlich mehr Kontakt zu mir und meinen Gefühlen. Das kleine Kind in mir hat seine Stimme wiedergefunden und Gehör erhalten. Ich habe das Gefühl, so braucht es sich dann nicht ganz so wütend und bockig in die Ecke zu werfen, wenn es Bedürfnisse anmeldet.

Der Freitag begann mit Frühsport (die drei üblichen Runden um den See), dann folgte ein Treffen in der Bezugsgruppe. Diesmal waren wieder drei neue dabei und wir hatten eine Vorstellungsrunde. Ich finde es immer spannend zu hören, aus welcher Situation heraus die Menschen kommen und auch zu erfahren, wie es den einzelnen nach den bereits vergangenen Wochen geht. Selbst wenn man sich schon zweimal vorgestellt hat, ist es interessant zu sehen, was der andere diesmal in den Mittelpunkt seiner kurzen Worte stellt. Ein Thema einbringen mag ich nicht. Jedenfalls noch nicht. Mir schwirrt zwar was im Kopf herum, dass ich mir als Fragestellung für die Runde vorstellen kann, aber noch mag ich nicht. Muss ich auch nicht.

In der kompetenzorientierten Ergotherapie habe ich Aquarellbuntstifte ausprobiert und war begeistert. Meine bisher in Schwarzweiß gezeichneten Muster mit Farben zu füllen, war ein echtes Flowerlebnis und die 60 Minuten sind wie im Rausch vergangen. Danach habe ich meine Sachen für Zuhause zusammengepackt. Mein Mann würde doch locker bis zum Abendbrot brauchen, bis er mich abholen käme, also drehte ich noch eine kleine Runde mit V. auf die Burg. Wenigstens ein bisschen Auslauf. Die Wolken hingen tief und der Wind war sehr böig, aber die 4 km machten Spaß und die Wartezeit verging schneller.

Dann ging es endlich nach Hause. Ich saß die Rücktour am Steuer und genoss das Autofahren. Es tat so gut, meinen Mann, meinen Sohn und mein Zuhause wiederzusehen. Allen geht es gut. Mein Mann schafft das Familienleben zu managen – auch wenn dann keine Zeit für anderes bleibt. Welch‘ Überraschung. Meinem Sohn geht es gut. Er freute sich sehr, mich zu sehen. Ich mache mir schon oft Gedanken, wie er Themen aufnimmt, was ihn trifft, was er vielleicht unerwartet locker nimmt. Er ist ähnlich dünnhäutig wie ich, aber nun war er entspannt drauf und freute sich auf das Wochenende. Das tat mir unendlich gut. Ich muss mir keine Sorgen machen. Das ist auch ein Lernweg für mich. Ich sollte mehr im Hier und Jetzt sein. Sorgen kann ich mir machen, wenn eine bedenkliche Situation eingetreten ist. Aber nicht vorher. Mein Garten grün und blüht. Allen meinen Blumen geht es gut. Sie werden liebevoll versorgt. Der Kater begrüßte mich lautstark und verbrachte die Nacht neben meinem Kopf. Da liegt er eigentlich nie. Anscheinend hat er in meiner Abwesenheit das Kopfkissen okkupiert. Ob er einfach die Gunst der Stunde genutzt hat, weil ich ihn nicht verscheuche oder ob ich ihm fehle, keine Ahnung. Mein Mann lässt ihn gewähren. Vielleicht ist er auch ein wenig einsam.

Am Samstag spielte Udo Lindenberg im Stadion seine „Panik-Tour“ und ich war mit meiner Freundin zum Konzert. Die neuste Scheibe vom Altmeister des deutschen Rock „Stärker als die Zeit“ besticht durch ihre offenen und ehrlichen Texte. Er legte schon 2015 in Berlin eine Mördershow hin und spielte auch diesmal 2 ½ Stunden durch ohne Pause. Der einzige Tribut an sein mittlerweile 70jähriges Alter, war ein Kniekissen, wenn er sich theatralisch auf die Bühne fallen ließ. Es war gigantisch und bewegend. Sogar das Wetter spielte mit, wir blieben trocken. Ich habe mir noch ein T-Shirt gekauft mit dem Aufdruck: „Eine muss den Job ja machen.“ Das sehe ich durchaus mit einem Augenzwinkern. 2012 habe ich Udo wieder entdeckt – auch in einer Phase, in der es mir nicht so gut ging. Damals war „Ich mach‘ mein Ding“ meine Hymne geworden. Leider habe ich zwischendrin diese Idee aus den Augen verloren und mich damit auch ein Stück. Ich habe mich viel zu sehr damit beschäftigt, was der oder die anderen von mir vermeintlich wollen. Dieses Gefühl für alles verantwortlich zu sein, (etwas) schuldig zu sein, ist ein Allmachtsgefühl aus der Kindheit. Irgendwie bin ich dabei noch nicht erwachsen geworden. Mittlerweile sollte ich wissen, dass kein Mensch alles in der Hand hat oder haben kann.

Der Sonntag begann sehr entspannt mit Ausschlafen und einem langen Frühstück. Wir hatten einen ruhigen Tag und mein Mann besiegt mich (wie immer) im Tischtennis. Ich widerstand den Verlockungen zum Aufräumen, Unkrautjäten, Putzen und blieb im Gastmodus. Das war sehr angenehm. Bis auf ein wenig Papierkram und meine Wäsche habe ich den Haushalt Haushalt sein lassen. Geht doch. Ben war bei seinem Freund, kam dann zum Abendessen zurück. Gemeinsam genossen wir ein leckeres Hühnchen und dann starte ich mit meinem Auto zurück in die Rehaklinik. Lust hatte ich keine. Mir geht es gut im Moment. Ich habe keinerlei Rückenschmerzen und das Gefühl, mir deutlich näher gekommen zu sein. Die Rückfahrt verlief schnell und ohne Stau. Kurz vor der Ankunft in der Klinik hatte ich um 21:30 Uhr einen phänomenalen Sonnenuntergang am Horizont und Udo lief die ganze Zeit auf voller Lautstärke im Auto.

Ich trag dich durch die schweren Zeiten

So wie ein Schatten werd ich dich begleiten

Ich werd dich begleiten, denn es ist nie zu spät

Um nochmal durchzustarten

Weil hinter all den schwarzen Wolken

Wieder gute Zeiten warten.

(U. Lindenberg)

Hinter der Fassade

Tag 14 Donnerstag

Ich habe mich heute getraut in der Einzeltherapie über meine Wut, meine Trauer und meine Schuldgefühle zu reden. Augen zu und durch. Egal was die Therapeutin davon hält. Die Angst und Scham bewertet zu werden, kann nicht mehr schlimmer werden. Sie lähmt mich, sie blockiert mich. Mir begegnen hier so viele Verdränger und Halbleichen. Das ist meine Chance einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Den Kreislauf aus Schuld, Scham und kopfloser Verantwortungsübernahme zu durchschauen und irgendwann auch zu durchbrechen. Genau hinzusehen, wann das innere Kind mit seinen Bedürfnissen das Steuer übernimmt und mich als Erwachsene hilflos im Regen stehen lässt. Es war ungeheuer anstrengend. Meine Nacht war eh zu kurz, das Frühstück rutschte nicht und die heißgeliebte Hydrojetmassage blieb wirkungslos. Selbst als ich vor der Tür der Psychologin saß, war ich mir nicht sicher, ob ich mich öffnen würde. Es war schlimmer als jede Prüfungssituation.

Fazit: Sich zu öffnen hat sich gelohnt. Ich habe mich angenommen, ernstgenommen und bestärkt gefühlt. Ich weiß genauer, was mir fehlt oder gefehlt hat. Wie ich das bekomme und ob ich es überhaupt noch einmal erhalten kann, dass weiß ich nicht. Aber ich komme in den Kontakt mit mir und ich sehe eine echte Chance, meine Stärken wieder zu finden. Eine Rückführung in Bilder und Orte meiner Kindheit hat nicht funktioniert. Soweit bin ich (noch) nicht. Vielleicht ist es auch nicht mein Weg. Ich kann mich viel eher über die Bewegung öffnen und in Kontakt mit meinen Gefühlen kommen.

Daher tat mir die Nordic Walking Runde am Mittag auch richtig gut. Wir waren in hohem Tempo 80 Minuten unterwegs. Danach hatte ich allerdings wenig Zeit zum Ausruhen und es ging direkt mit Entspannungsübungen weiter. Ein hohes Risiko dabei einzupennen hatte nicht nur ich. Neben mir schnarchte es lautstark. Im Anschluss gönnte ich mir noch eine halbe Stunde Dösen im Bett. So sollte ich fit sein für den Fußballabend. Zumindest die erste Halbzeit will ich später mit ein paar Leuten außerhalb der Klinik auf einer Großleinwand gucken. Außerdem hätte ich gern ein Bier dazu – nach 15 Tagen Abstinenz. Das habe ich mir zur Feier meines Mutes verdient.