Der Kreis schließt sich

Tag 34-36 Mittwoch bis Freitag

Diesen Eintrag schreibe ich zu Hause auf meiner Terrasse. Heute war mein erster Arbeitstag. Er ist gut verlaufen und ich habe mich gefreut, wieder ins Büro zu gehen. Mich erwartete ein Willkommensschild und ein Blumenstrauß. Das tat einfach gut. Ich habe es ruhig angehen lassen und nach fünf Stunden Feierabend gemacht.

Gestern bin ich nach dem Frühstück und der Verabschiedung von einigen wenigen, wichtigen Leuten erst noch nach Oberhof gefahren, bevor ich nach Hause gestartet bin. Ich hatte das Glück, Skispringern beim Üben Zusehen zu können. Das Wetter war perfekt und die Rücktour schnell und staufrei, natürlich mit Lindenberg in voller Lautstärke. Mein Mann kam früher von Arbeit und wir haben mit Freunden gegrillt und später die Niederlage der Deutschen gegen die Franzosen gesehen. Das hat schon ein wenig die Stimmung getrübt. Aber es ist einfach nur schön, wieder zu Hause zu sein. Jetzt fehlt nur noch mein Sohn, dann sind wir wieder komplett.

Habe ich meine Ziele in der Reha erreicht? Was waren sie? Am Tag 1 habe ich sie so formuliert: „Ich möchte merken, wenn ich in Stress rutsche und gegensteuern können. Ich möchte meine Verspannungen aktiv lockern können, besser einschlafen und weniger Kopfschmerzen.“ Eine Menge davon ist erreicht. Ich merke, wenn ich in Stress gerate, wenn die Gedanken um ein Thema kreisen. In der Reha konnte ich meine Verspannungen wieder lösen und ich hatte die letzten drei Wochen fast keine Kopfschmerzen. Das Einschlafen gelang unterschiedlich gut. Allerdings war ich dort auch keinen Tag komplett übermüdet, wie es mir zu Hause oft passiert ist. Also viel erreicht.

Mit dem Blick hinter meine Fassade habe ich auch meine Ziele angepasst. Ich möchte merken, wenn der innere Kritiker mit fiesen Sprüchen das Ruder übernimmt und meine beiden Antreibersätze „Ich will perfekt sein.“ und „Ich will beliebt sein“ mein Handeln und Denken bestimmen. Dazu braucht es aber noch deutlich mehr Zeit als diese fünf Wochen. Und ich will mehr mit meinen Freunden reden, mehr meine Gefühle zulassen. M. hat mir zum Abschied ein Buch geschenkt: “Soforthilfe bei Schwarzsehen, Selbstzweifeln, Pech und Pannen”. Ich glaube, das werde ich noch ziemlich oft benötigen. Sie hat von mir den Link für diesem Blog bekommen und war einigermaßen schockiert, wie ausgegrenzt ich mich gefühlt habe. M. hatte ein ganz anderes Bild von mir. Ich wäre in ihren Augen so tough gewesen… Meine Fassade war ziemlich perfekt.

In diese alten Muster will ich nicht zurück. Mein wunderschöner Ring ist fertig geworden. Ich trage ihn mit Leidenschaft als Erinnerung an diese fünf Wochen und als ein Versprechen:

Mich so zu mögen, wie ich bin.

Abschiedstournee

Tag 31 und 32 Sonntag und Montag

Vor einer Woche hatte ich mein persönliches Waterloo hier, weil ich mich ausgegrenzt und nicht zugehörig gefühlt habe, als alle anderen zum Feiern gegangen sind. Heute Abend ist mein Abschied dran. Ich bin eingeladen worden, ihn gemeinsam mit den anderen, die in dieser Woche noch abreisen werden, zu feiern. Es war ein schönes Gefühl als N. mich gefragt hat. Soeben haben wir uns unabhängig voneinander im Supermarkt getroffen und die notwendige Ausstattung für die Feier am See gekauft. In der Woche, die zwischen diesen beiden Erfahrungen lag, hatte ich fast zu wenig Zeit für mich allein. Jeden Abend trafen wir uns in der Kneipe in unterschiedlich großer Runde und auch die kleinen Verabredungen am Tag mit M. oder D. waren schön. Deshalb bin ich bewusst allein gestern zu dem Platz am Wasserfall aufgebrochen, den ich in den letzten Wochen zweimal besucht hatte. Einmal direkt nach der ersten Stunde Kommunikativer Bewegungstherapie als ich so aufgewühlt und wütend war, dann zum zweiten Mal nach meiner langen Rennsteigtour. Da war ich entspannt und hatte Zeit und Lust zum Fotografieren. Gestern kam ich vor den Besucherströmen dort an und musste feststellen, dass der Platz direkt oberhalb des Falles nun mit einem Tor abgesperrt ist, da die Bergziegen in diesem Bereich unterwegs sind. Aber es war wirklich ok. Dieser Teil ist für mich abgeschlossen. Ich konnte mich an den kleinen See setzen und habe mir ein paar ganz konkrete Punkte notiert, die ich zu Hause umsetzen bzw. beibehalten möchte. Das haben wir (als einzige Botschaft im sonst grottenschlechten) Transfervortrag gelernt: Mach deine Ideen konkret. Lege Zeit und Tag fest, sonst verschiebt man es immer weiter und verliert den Ansatz aus den Augen.

Auf dem Rückweg besuchte ich noch eine Höhle, in die ich es aus verschiedenen Gründen bisher nicht geschafft hatte. Mal war die Zeit zu knapp, dann saßen seltsame Typen am Kiosk vor dem Eingang und schreckten mich ab, mal hatte ich auch schlicht keine Lust. Gestern war es anders. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte war, dass ich komplett allein in die 8 Grad kalte und dunkle Höhle gelassen wurde. Keine weiteren Besucher. Keine Aufsichtsperson. Niemand. Nach den ersten paar Metern gab es einen kleinen Ausstellungsbereich. Ich las gerade eine Infotafel als plötzlich das Licht ausging. Der Bewegungsmelder hatte nichts mehr zu erfassen und so war nur noch das Notlicht an. Mein Herz hämmerte in der Brust und am liebsten hätte ich sofort umgedreht und die Höhle Hals über Kopf verlassen. Ich zwang mich ein paar Meter weiterzugehen und hoffte, dass mit dem Licht auch der Panikanfall vorüber geht. Letztendlich habe ich die gesamte Tiefe der Höhle (rund 300m) erkundet und es hat sich auch gelohnt, sie zu besichtigen. Aber ich war trotzdem froh, als ich das Ende erreicht hatte und umdrehen konnte. Kurz vor dem Ausgang waren dann noch zwei weitere Besucher dazugekommen. Ich bin immer noch stolz, es nicht abgebrochen zu haben.

Für den Nachmittag war ich mit M. in der berühmten Waffelstube des Kurortes verabredet und wir genossen das richtig plüschige Café. Den Abend verbrachte ich ziemlich angematscht mit Tee und einem Gefühl von „Oiii, ich könnte mich erkältet haben“ auf meinem Bett und sah den Franzosen zu, wie sie leider die Isländer aus der EM warfen. Allein dafür müssen wir sie am Donnerstag besiegen. Mein Herz schlägt immer für die Underdogs. Wobei lieber in der Version. Sonst hätte ich mich entscheiden müssen für wen ich in Jubel ausbreche…

Meine Nacht zu Montag war die bisher schlechteste der ganzen Rehazeit. Ziemlich ruhelos wälzte ich mich von einer Seite auf die nächste. Unser Sohn befand sich auf einer langen Busfahrt nach Italien und ich konnte nicht abschalten. Alle rationalen Beruhigungsansätze scheiterten und die Erleichterung kam erst heute Mittag mit seiner Nachricht, dass sie gut gelandet sind, er viel schlafen konnte und WLAN hat.

Trotzdem war ich recht fit und hatte die letzte passive Musiktherapie, die letzte Ergotherapie, den letzten Hydrojet (den werde ich vermissen) und meine Abschlussuntersuchung bei der Stationsärztin.

Jetzt gehen wir feiern. So wie es ausschaut, bleibt es auch trocken. Zumindest vom Himmel.

Nervenkrieg

Tag 30 Samstag

Nachdem ich Freitagabend doch mit in den Musikschuppen gegangen war, gönnte ich mir einmal Ausschlafen und ein spätes Frühstück beim Bäcker (hatte mich schön brav am Vortrag abgemeldet). Leider marschierte eine heftige Kaltfront durch die Region und so regnete es schon am Morgen üppig. D. und ich ließen uns davon nicht abschrecken und hatten eine relativ trockene 11 km lange Runde durch die Drachen- und Landgrafenschlucht. Als wir in den Kurort zurückkamen, schien sogar schon wieder die Sonne. Richtig warm war es allerdings nicht.

Da wir bei bestem Wetter am letzten Sonntag die Plätze draußen für dieses Deutschlandspiel reserviert hatten, ging es um 20:00 Uhr dick angezogen in die Kneipe. Das Spiel, das dann folgte, machte meinen Rehaerfolg fast komplett zunichte. Mein Tipp war ein 2:1 für Deutschland, obwohl mir Italien als Gegner echt schwer im Magen lag. Wir waren wirklich die bessere Mannschaft und das unglückliche Handspiel von Boateng mit dem darauffolgenden Elfmeter einfach Pech. Ich bin von einer Anspannung in die nächste gefallen. Tatsächlich fing mein, bis dahin seit mehr als zwei Wochen beschwerdefreier, Nacken an zu zicken. Ich hoffte bis zur 118 Minute auf ein Müller-Tor. Nichts. Das anschließende Elfmeterschießen war der reinste Krimi. Bis zur Erlösung durch Hector verschwand ich immer mal wieder hinter meinem warmen Kragen der Jacke. Bloß nicht hinsehen. Zum Glück ist das Italien-Trauma der deutschen Mannschaft jetzt Geschichte.

Balance

Tag 29 Freitag

Seit Beginn der Reha übe ich an einer Station im Fitblock den sogenannten „Fallschirmspringer“. Dabei liegt man nur mit dem Bauch auf einem luftgefülltem Noppenkissen und versucht Arme und Beine ausgestreckt vom Boden zu bekommen. Das ist eine schweißtreibende Übung und bisher war es immer eine äußerst wackelige Angelegenheit. Entweder rollte ich zur Seite weg oder hatte nach vorn oder hinten ein Übergewicht. Heute klappte es im ersten Durchgang, im zweiten und im dritten. Mit einem kurzen Austarieren blieb ich die geforderte Zeit wackelfrei in der Luft. Einfach genial. Auch das Gefühl dazu. Die Beats der Musik für die Steppbrettnutzer hämmerten im Hintergrund, meine Atmung war ganz fokussiert auf den Moment und das Aha-es-geht-Erlebnis phänomenal.

Ähnlich ergeht es mir auch zu Hause auf der Slackline. Wenn ich ganz konzentriert auf mein Tun bin, komme ich ohne Wackler über das Band. Sobald meine Gedanken abschweifen, krache ich runter. Das sind für mich die richtigen Achtsamkeitsübungen, wenn ich direkt und unmissverständliche die Botschaft erhalte, so geht es oder so geht es eben nicht. Ich bin ernsthaft am Überlegen ein Wackelkissen für daheim anzuschaffen. Unabhängig vom Entspannungseffekt ist es eine geniale Bauch-Po-Rücken-Übung die mir Spaß macht (und fiesen Muskelkater beschert). Das habe ich hier ebenfalls gelernt, nur was echt Freude macht, integriert der Mensch ohne Stress in seine Freizeit. Der Rest bleibt Verpflichtung ohne Lustgewinn und wird als erstes geopfert, wenn die Zeit vermeindlich knapp ist.

Kleine Schritte

Tag 18 Montag

Trotz Frühsport um 7:00 Uhr begann der Tag sehr ruhig und blieb entspannt. Viele fragten mich nach meinem Wochenende und ich konnte gnadenlos vom Konzert und dem leckeren Essen daheim schwärmen. Die Termine waren sehr weit über den Tag verteilt. So hatte ich erst um 10:00 Uhr wieder die passive Musiktherapie mit Rimsky Korsakov „Scheherazade – Geschichten aus 1001 Nacht“. Ich hatte mir diesmal keine Bodenmatte geholt, sondern war auf einem Stuhl sitzengeblieben. Mir war die Gefahr einzuschlafen zu hoch. Gute Entscheidung. Mein Nachbar schnarchte ab und an. Ich docke nicht an dieser Therapieform an. Ich sehe keine Bilder. Ich bin auch nicht aufgewühlt und nachher geht es mir genauso wie vorher. Ich reagiere eher auf Liedtexte, weniger auf rein instrumentale Stücke. Vielleicht liegt das an meiner eingeschränkten Hörfähigkeit. Vielleicht würde eine andere Therapie noch mehr Bewegung in meine Gedanken bringen. Ist das jetzt verlorene Zeit? Aber ich kann das auch gut aushalten. Für die zweite Musiktherapiestunde in dieser Woche habe ich mich allerdings schon abgemeldet. Sie ist direkt im Anschluss an meine Einzeltherapie und danach brauche ich mit Sicherheit Zeit für mich. Nächste Woche ist auch die reguläre Musiktherapeutin aus dem Urlaub zurück. Im Moment macht den Kurs eine Vertretung und die Dame ist nicht besonders gut in der Gesprächsphase. Oft kommt sie mit einer Hausfrauenpsychologie um die Ecke und ist ungeeignet, wenn es jemanden schlecht geht.

Um 14:00 Uhr war wieder Visite, diesmal mit der netten Oberärztin vom Aufnahmetag. Sie fragte mich, was man mir noch Gutes tun könne. Das fand ich einfach nur nett. Auch wenn mir nichts eingefallen ist. Mir und meinem Rücken geht es im Moment gut.

M. geht es besser. Sie tritt wieder in Kontakt mit anderen Menschen, war am Wochenende auch mit dem Blumenschenker unterwegs und wirkt insgesamt offener. Wir haben am Abend einen Runde durch den Ort gedreht und sie hat mir ein bisschen was erzählt. Es war gut für mich zu erfahren, dass sich ihre Situation auch ohne meinen Einfluss verändern kann. Ich bin nicht für ihr Wohlbefinden verantwortlich. Sie war mein Übungsfeld und es ist gut gegangen. Allerdings muss man neue Erfahrungen ein paar hundert Mal machen bevor sie in ein Muster übergehen. Puh, das ist noch ein ganzes Stück Weg.

Halbzeitpause

Tag 15-17 Freitag-Sonntag

Die Therapiestunde am Donnerstag hat bei mir ein hohes Maß an Erleichterung und Lockerung hervorgebracht. Ich fühle mich frei(er) in den Gedanken und in meinen Muskeln. Zwar bin ich mir sicher, dass ich noch lange nicht durch meine Themen durch bin, aber ich habe deutlich mehr Kontakt zu mir und meinen Gefühlen. Das kleine Kind in mir hat seine Stimme wiedergefunden und Gehör erhalten. Ich habe das Gefühl, so braucht es sich dann nicht ganz so wütend und bockig in die Ecke zu werfen, wenn es Bedürfnisse anmeldet.

Der Freitag begann mit Frühsport (die drei üblichen Runden um den See), dann folgte ein Treffen in der Bezugsgruppe. Diesmal waren wieder drei neue dabei und wir hatten eine Vorstellungsrunde. Ich finde es immer spannend zu hören, aus welcher Situation heraus die Menschen kommen und auch zu erfahren, wie es den einzelnen nach den bereits vergangenen Wochen geht. Selbst wenn man sich schon zweimal vorgestellt hat, ist es interessant zu sehen, was der andere diesmal in den Mittelpunkt seiner kurzen Worte stellt. Ein Thema einbringen mag ich nicht. Jedenfalls noch nicht. Mir schwirrt zwar was im Kopf herum, dass ich mir als Fragestellung für die Runde vorstellen kann, aber noch mag ich nicht. Muss ich auch nicht.

In der kompetenzorientierten Ergotherapie habe ich Aquarellbuntstifte ausprobiert und war begeistert. Meine bisher in Schwarzweiß gezeichneten Muster mit Farben zu füllen, war ein echtes Flowerlebnis und die 60 Minuten sind wie im Rausch vergangen. Danach habe ich meine Sachen für Zuhause zusammengepackt. Mein Mann würde doch locker bis zum Abendbrot brauchen, bis er mich abholen käme, also drehte ich noch eine kleine Runde mit V. auf die Burg. Wenigstens ein bisschen Auslauf. Die Wolken hingen tief und der Wind war sehr böig, aber die 4 km machten Spaß und die Wartezeit verging schneller.

Dann ging es endlich nach Hause. Ich saß die Rücktour am Steuer und genoss das Autofahren. Es tat so gut, meinen Mann, meinen Sohn und mein Zuhause wiederzusehen. Allen geht es gut. Mein Mann schafft das Familienleben zu managen – auch wenn dann keine Zeit für anderes bleibt. Welch‘ Überraschung. Meinem Sohn geht es gut. Er freute sich sehr, mich zu sehen. Ich mache mir schon oft Gedanken, wie er Themen aufnimmt, was ihn trifft, was er vielleicht unerwartet locker nimmt. Er ist ähnlich dünnhäutig wie ich, aber nun war er entspannt drauf und freute sich auf das Wochenende. Das tat mir unendlich gut. Ich muss mir keine Sorgen machen. Das ist auch ein Lernweg für mich. Ich sollte mehr im Hier und Jetzt sein. Sorgen kann ich mir machen, wenn eine bedenkliche Situation eingetreten ist. Aber nicht vorher. Mein Garten grün und blüht. Allen meinen Blumen geht es gut. Sie werden liebevoll versorgt. Der Kater begrüßte mich lautstark und verbrachte die Nacht neben meinem Kopf. Da liegt er eigentlich nie. Anscheinend hat er in meiner Abwesenheit das Kopfkissen okkupiert. Ob er einfach die Gunst der Stunde genutzt hat, weil ich ihn nicht verscheuche oder ob ich ihm fehle, keine Ahnung. Mein Mann lässt ihn gewähren. Vielleicht ist er auch ein wenig einsam.

Am Samstag spielte Udo Lindenberg im Stadion seine „Panik-Tour“ und ich war mit meiner Freundin zum Konzert. Die neuste Scheibe vom Altmeister des deutschen Rock „Stärker als die Zeit“ besticht durch ihre offenen und ehrlichen Texte. Er legte schon 2015 in Berlin eine Mördershow hin und spielte auch diesmal 2 ½ Stunden durch ohne Pause. Der einzige Tribut an sein mittlerweile 70jähriges Alter, war ein Kniekissen, wenn er sich theatralisch auf die Bühne fallen ließ. Es war gigantisch und bewegend. Sogar das Wetter spielte mit, wir blieben trocken. Ich habe mir noch ein T-Shirt gekauft mit dem Aufdruck: „Eine muss den Job ja machen.“ Das sehe ich durchaus mit einem Augenzwinkern. 2012 habe ich Udo wieder entdeckt – auch in einer Phase, in der es mir nicht so gut ging. Damals war „Ich mach‘ mein Ding“ meine Hymne geworden. Leider habe ich zwischendrin diese Idee aus den Augen verloren und mich damit auch ein Stück. Ich habe mich viel zu sehr damit beschäftigt, was der oder die anderen von mir vermeintlich wollen. Dieses Gefühl für alles verantwortlich zu sein, (etwas) schuldig zu sein, ist ein Allmachtsgefühl aus der Kindheit. Irgendwie bin ich dabei noch nicht erwachsen geworden. Mittlerweile sollte ich wissen, dass kein Mensch alles in der Hand hat oder haben kann.

Der Sonntag begann sehr entspannt mit Ausschlafen und einem langen Frühstück. Wir hatten einen ruhigen Tag und mein Mann besiegt mich (wie immer) im Tischtennis. Ich widerstand den Verlockungen zum Aufräumen, Unkrautjäten, Putzen und blieb im Gastmodus. Das war sehr angenehm. Bis auf ein wenig Papierkram und meine Wäsche habe ich den Haushalt Haushalt sein lassen. Geht doch. Ben war bei seinem Freund, kam dann zum Abendessen zurück. Gemeinsam genossen wir ein leckeres Hühnchen und dann starte ich mit meinem Auto zurück in die Rehaklinik. Lust hatte ich keine. Mir geht es gut im Moment. Ich habe keinerlei Rückenschmerzen und das Gefühl, mir deutlich näher gekommen zu sein. Die Rückfahrt verlief schnell und ohne Stau. Kurz vor der Ankunft in der Klinik hatte ich um 21:30 Uhr einen phänomenalen Sonnenuntergang am Horizont und Udo lief die ganze Zeit auf voller Lautstärke im Auto.

Ich trag dich durch die schweren Zeiten

So wie ein Schatten werd ich dich begleiten

Ich werd dich begleiten, denn es ist nie zu spät

Um nochmal durchzustarten

Weil hinter all den schwarzen Wolken

Wieder gute Zeiten warten.

(U. Lindenberg)

Hinter der Fassade

Tag 14 Donnerstag

Ich habe mich heute getraut in der Einzeltherapie über meine Wut, meine Trauer und meine Schuldgefühle zu reden. Augen zu und durch. Egal was die Therapeutin davon hält. Die Angst und Scham bewertet zu werden, kann nicht mehr schlimmer werden. Sie lähmt mich, sie blockiert mich. Mir begegnen hier so viele Verdränger und Halbleichen. Das ist meine Chance einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Den Kreislauf aus Schuld, Scham und kopfloser Verantwortungsübernahme zu durchschauen und irgendwann auch zu durchbrechen. Genau hinzusehen, wann das innere Kind mit seinen Bedürfnissen das Steuer übernimmt und mich als Erwachsene hilflos im Regen stehen lässt. Es war ungeheuer anstrengend. Meine Nacht war eh zu kurz, das Frühstück rutschte nicht und die heißgeliebte Hydrojetmassage blieb wirkungslos. Selbst als ich vor der Tür der Psychologin saß, war ich mir nicht sicher, ob ich mich öffnen würde. Es war schlimmer als jede Prüfungssituation.

Fazit: Sich zu öffnen hat sich gelohnt. Ich habe mich angenommen, ernstgenommen und bestärkt gefühlt. Ich weiß genauer, was mir fehlt oder gefehlt hat. Wie ich das bekomme und ob ich es überhaupt noch einmal erhalten kann, dass weiß ich nicht. Aber ich komme in den Kontakt mit mir und ich sehe eine echte Chance, meine Stärken wieder zu finden. Eine Rückführung in Bilder und Orte meiner Kindheit hat nicht funktioniert. Soweit bin ich (noch) nicht. Vielleicht ist es auch nicht mein Weg. Ich kann mich viel eher über die Bewegung öffnen und in Kontakt mit meinen Gefühlen kommen.

Daher tat mir die Nordic Walking Runde am Mittag auch richtig gut. Wir waren in hohem Tempo 80 Minuten unterwegs. Danach hatte ich allerdings wenig Zeit zum Ausruhen und es ging direkt mit Entspannungsübungen weiter. Ein hohes Risiko dabei einzupennen hatte nicht nur ich. Neben mir schnarchte es lautstark. Im Anschluss gönnte ich mir noch eine halbe Stunde Dösen im Bett. So sollte ich fit sein für den Fußballabend. Zumindest die erste Halbzeit will ich später mit ein paar Leuten außerhalb der Klinik auf einer Großleinwand gucken. Außerdem hätte ich gern ein Bier dazu – nach 15 Tagen Abstinenz. Das habe ich mir zur Feier meines Mutes verdient.