Praxistest für (neue) Muster

Tag 25-26 Montag und Dienstag

Mein Selbstwertgefühl ist im Wochenende stecken geblieben. Oder es kam mir am Montagmorgen im Frühstücksraum abhanden. Eine Frau begrüßte mich mehr als zurückhaltend und auch in der Gruppe der Aquafitnessleute fühlte ich mich isoliert und nicht zugehörig. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich am Freitag nicht mit zum Tanzen war, da hatte ich mich für das ruhige Gespräch mit D. entschieden. Fehler? Keine Ahnung. Mir war nicht nach Party. Grundsätzlich habe ich immer mehr von direkten 1:1 Kontakten mit anderen Menschen. Außerdem gab es ein paar interessante Parallelen in seinen und meinen Problemlagen. Er tickt ganz ähnlich. Dazu kommt, ich fühle mich selten in Gruppen wirklich wohl. Es ist immer anstrengend für mich. Daher war der ruhige Abend in der Kneipe einfach die passendere Wahl. Aber die Partyerfahrungen der anderen fehlten mir und diese Gruppe hatte dadurch noch enger zusammengefunden. Ich blieb weiterhin außen vor.

Am Montagnachmittag war ich mit zwei Frauen in einem ca. 15 km entfernten Kurort. Eigentlich wollte ich dort allein hinfahren. Weil die beiden aber nach der Ergotherapie fragten, ob wir zusammen einen Kaffee trinken wollen und ich mich eh schon so ausgegrenzt gefühlt habe, habe ich sie zur Fahrt eingeladen. Dabei wollte ich mir die Saline in Ruhe ansehen und eigentlich keinen Stadtbummel machen. So haben wir beides versucht und irgendwie kam auch beides zu kurz. Die Lebensgeschichte der einen Frau aber war wirklich spannend und ich fand es faszinierend, wie sie sich optisch verändert hat, wenn sie lachte. Als wir ganz knapp vor dem Abendessen zurück zur Klinik kamen, bewegte sich eine riesen Gruppe gerade zum Abschiedfeiern in die Kneipe. Ich war nicht eingeladen. Ich gehörte ja auch nicht dazu. Mich fragte dann noch jemand, ob ich auch käme, aber da hatte ich innerlich schon damit abgeschlossen. Trotzdem blieb das schale Gefühl ein Außenseiter zu sein und ich grenze mich natürlich auch selbst wunderbar damit aus.

So ging ich in den Abend und traf mich mit D. Wir landeten in der gleichen Kneipe, wie die, die Abschied feierten, blieben aber beide bewusst im Freien sitzen. Ab und an gesellte sich ein Raucher dazu, aber wir haben zur Gruppe Distanz gehalten. Dann erzählte mir D., dass die Frau, die mich am Morgen geschnitten hatte, auch ihn nun ignoriert, obwohl sie eigentlich einen sehr intensiven Gesprächskontakt hatten. Das brachte mein emotionales Fass zum Überlaufen. Ich hatte den Flashback zurück in meine Schulzeit. Auch dort gab es diese Mädchenspielchen, die ich nie durchschaut habe und in die ich auch nie gepasst habe. Dieses elende Schmollen und Ausgrenzen. Schon immer konnte ich mich gut mit Jungs und später mit Männer verständigen. Und schon immer gab es dann Mädchen und später Frauen, die darauf heftig reagiert haben.

Ich habe an dem Abend jedoch definitiv überreagiert und gesagt: „Hätte ich gewusst, dass da Besitzansprüche ins Spiel komme, dann hätte ich keine Gespräche mit dir geführt.“ Zu Recht hat das D. getroffen. Wir sind dann mit anderen zur Klinik zurück und D. hat später per WhatsApp den Kontakt mit mir für beendet erklärt. Puh. Das saß. Kontaktabbruch ist doch mein Muster! Ich habe noch geantwortet, dass ich das so per WhatsApp nicht akzeptiere, wenigsten ein kurzes Gespräch noch möchte und mich auch entschuldigt für meine Reaktion. Er las es nicht. Die Nachricht konnte nicht zugestellt werden. Somit war entweder das Handy aus oder mein Kontakt gelöscht. Ich hatte nicht einmal die Chance bekommen, mich zu erklären.

Beruhigt sah ich am nächsten Morgen, dass D. die Nachricht zumindest gelesen hatte. Eine Antwort bekam ich allerdings nicht.

Eigentlich wollte ich am Dienstag ein Thema in die Bezugsgruppe einbringen. Vor dem Abendeklat hatte ich in aller Ruhe mir die wichtigsten Stichpunkte zusammengeschrieben. Aber mit dem völligen Zusammenbruch meines Selbstwertgefühls und dem Flashback zurück in meine Jugend, konnte ich kaum etwas sagen in der Gruppe, geschweige denn mein Thema diskutieren lassen. Das tat dann überraschenderweise M. Sie beschrieb mit ihrem Problem genau mich. Sie reagiert anders. Während ich meine Fassade hochziehe, mimt sie die Fröhliche und kümmert sich um alle. Aber das zu Grunde liegende Muster ist die gleiche: Ablehnung der eigenen Person. Das nicht spüren können, dass man passt, so wie man ist. Sich selbst zu mögen. Gut und gnädig zu sich selbst zu sein. Lob spüren zu können. Nicht nur (vermeintliche) Kritik.

Ich bedankte mich bei M. für ihren Mut und ging komplett aufgewühlt in die Kommunikative Bewegungstherapie. Dort waren D. und auch die Frau, die scheinbar in Konkurrenz zu mehr steht, Teilnehmer der Gruppe. Das Ungeklärte stand im Raum und war für mich fast greifbar. Aufgabe der Stunde war an Hand von frei zu wählenden Materialien pantomimisch zu erklären, wie wir hergekommen sind, was wir hier bekommen haben, was wir hier lassen wollen und was wir mitnehmen. Was ich hier erfahren habe, ist wieder ein Gespür für mein Wohlbefinden und für meine Geborgenheit. Ich weiß, wie ich es bekomme, woher ich es nicht mehr bekomme (von meinen Eltern) und wie gut es tut. Mich hat es emotional so aufgelöst, dass ich den Raum verlassen musste. Ich wollte vor den anderen nicht weinen, war aber so unendlich traurig. Ich konnte jedoch nach ein paar Minuten in den Raum zurückkehren und weiter an der Stunde teilnehmen. Das war eine ganz wertvolle Erfahrung, denn die Gruppe sollte für jeden Teilnehmer das zusammenstellen, was er oder sie für den weiteren Weg benötigt. Das hat in meinem Fall dazu geführt, dass die Gruppe mich in mehrere Decken gewickelt hat und ich ganz viel Wärme und Nähe der Gruppe gespürt habe. Die Frau, die in die Distanz zu mir gegangen war, blieb auch während der Übung mit einer anderen dort. Aber das war nicht entscheidend für das Gefühl des Angenommenseins. Der Therapeut begleitete es in der Auswertung mit den Worten: „Sie wissen was Sie brauchen. Sie können es zeigen und Sie haben es bekommen. Trauen Sie sich.“ Vollständig geflasht von den Emotionen, wollte ich nur zurück in mein Zimmer, um mich wenigstens bis zum Mittagessen wieder beruhigt zu haben. Da sprach mich D. noch an, wie es mir geht und wann wir reden wollen. Das war dann endgültig zu viel an Zuwendung und ich bin in mein Zimmer geflüchtet. Halbwegs wieder hergestellt, ging ich zum Mittagessen. Ich lief M. über den Weg, die mir genau ansah, was in mir seit der Gruppenstunde passiert war. Wir lagen uns direkt vor dem Speisesaal heulend in den Armen und es war mir scheißegal, wer mich dabei sah. Sie fühlte sich sofort verantwortlich für meine Gefühle (wie gut ich das nur kenne…) und wir bestätigten uns gegenseitig in Tränen aufgelöst, dass es ok ist, wie wir sind und wir in den Kontakt miteinander gehen sollten.

Alle weiteren Termine für den Nachmittag habe ich abgesagt. Ich bin zu der kleinen Manufaktur im Ort gelaufen. Dort gefiel mir schon seit Tagen ein Ring mit einem bestimmten Muster. Jetzt wird er für mich in meiner Größe und in einer bestimmten Form individuell angefertigt. Bis zu meiner Abreise wird er fertig sein und vielleicht funktioniert er als Erinnerung an meine Muster und auch als Erinnerung an meinen Wert.

Mit D. hatte ich später ein langes Gespräch im Cafè. Er hat meine Entschuldigung akzeptiert, seine Reaktion erklärt und wir halten den Kontakt. Ich habe beschlossen, ich ziehe mir die Jacke mit der anderen Frau nicht an. Es hat nichts mit mir zu tun. Ich muss mich nicht zurückziehen, damit es dem anderen besser geht. Kontaktabbruch ist nicht die Lösung für alle schwierigen Situationen. Für mich war es schon immer möglich, mit Männern befreundet zu sein ohne irgendwelche weitergehenden Interessen. Ich liebe meinen Mann. Aber deswegen keinen besten Freund zu haben, kam mir noch nie in den Sinn. Wir haben das gestern auch noch diskutiert. Alle waren verwundert, dass mein Freund mich hier am letzten Wochenende besucht hat und ich letztes Jahr lange in den Alpen mit ihm allein unterwegs war. Das wäre sehr außergewöhnlich. Für mich ist es das nicht. Es ist für mich normal. Diese Normalität im Umgang mit anderen Menschen, unabhängig von deren Geschlecht, ist mir jedoch irgendwie erst jetzt bewusst geworden. Ich möchte sie behalten. Allerdings schätze ich das Vertrauen meines Mannes (und meines auch ihn) nach diesem Gespräch deutlich mehr. Also wenn du es liest: „Danke, für diese sichere Basis unserer Beziehung. Ich liebe dich.“

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Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

Hinter der Fassade

Tag 14 Donnerstag

Ich habe mich heute getraut in der Einzeltherapie über meine Wut, meine Trauer und meine Schuldgefühle zu reden. Augen zu und durch. Egal was die Therapeutin davon hält. Die Angst und Scham bewertet zu werden, kann nicht mehr schlimmer werden. Sie lähmt mich, sie blockiert mich. Mir begegnen hier so viele Verdränger und Halbleichen. Das ist meine Chance einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Den Kreislauf aus Schuld, Scham und kopfloser Verantwortungsübernahme zu durchschauen und irgendwann auch zu durchbrechen. Genau hinzusehen, wann das innere Kind mit seinen Bedürfnissen das Steuer übernimmt und mich als Erwachsene hilflos im Regen stehen lässt. Es war ungeheuer anstrengend. Meine Nacht war eh zu kurz, das Frühstück rutschte nicht und die heißgeliebte Hydrojetmassage blieb wirkungslos. Selbst als ich vor der Tür der Psychologin saß, war ich mir nicht sicher, ob ich mich öffnen würde. Es war schlimmer als jede Prüfungssituation.

Fazit: Sich zu öffnen hat sich gelohnt. Ich habe mich angenommen, ernstgenommen und bestärkt gefühlt. Ich weiß genauer, was mir fehlt oder gefehlt hat. Wie ich das bekomme und ob ich es überhaupt noch einmal erhalten kann, dass weiß ich nicht. Aber ich komme in den Kontakt mit mir und ich sehe eine echte Chance, meine Stärken wieder zu finden. Eine Rückführung in Bilder und Orte meiner Kindheit hat nicht funktioniert. Soweit bin ich (noch) nicht. Vielleicht ist es auch nicht mein Weg. Ich kann mich viel eher über die Bewegung öffnen und in Kontakt mit meinen Gefühlen kommen.

Daher tat mir die Nordic Walking Runde am Mittag auch richtig gut. Wir waren in hohem Tempo 80 Minuten unterwegs. Danach hatte ich allerdings wenig Zeit zum Ausruhen und es ging direkt mit Entspannungsübungen weiter. Ein hohes Risiko dabei einzupennen hatte nicht nur ich. Neben mir schnarchte es lautstark. Im Anschluss gönnte ich mir noch eine halbe Stunde Dösen im Bett. So sollte ich fit sein für den Fußballabend. Zumindest die erste Halbzeit will ich später mit ein paar Leuten außerhalb der Klinik auf einer Großleinwand gucken. Außerdem hätte ich gern ein Bier dazu – nach 15 Tagen Abstinenz. Das habe ich mir zur Feier meines Mutes verdient.

Auf alten Wegen neu stolpern

Tag 11 Montag

Ich konnte morgens länger schlafen, da mein frühester Termin erst um 10:00 Uhr ein Fitblock war. Das tat gut, aber ausgeschlafen war ich nicht. Das Gespräch mit meinem Sohn hatte mich doch ziemlich aufgewühlt. Dazu kam der Anschlag in Orlando auf den bei Schwulen beliebten Club PULSE und die Angst vor Homophobie, die auch mein Kind betreffen kann. Der Gedanke, dass ihm einer wehtun könnte, zerreißt mich fast. Zumal er auch zum ersten Mal in diesem Jahr zu einem CSD will und dann auch nach Glasgow fliegt mit einem Jugendaustausch zu deren Prideday. Beschützen geht dabei nicht. Ich muss ihn ziehen lassen. So schwer es mir auch fällt. Ich musste nachts noch Nachrichten sehen und konnte dann noch schlechter einschlafen. Hier habe ich noch niemand erzählt, dass mein Sohn schwul ist. Gut, die Psychologin weiß es. Aber bei den anderen hatte ich nicht das Vertrauen, es zu erzählen. Es ist immer noch spürbar in meiner Generation, dass es ein „Ach“ auslöst und wenig normal ist, vom Freund des Sohnes zu reden, wie andere von der Freundin. Man merkt es auch an der Zahl der Likes zu einem Post auf Facebook. Die dämlichsten Wanderfotos bekommen mehr Daumenhoch, als ein geteilter Artikel des schwul/lesbischen Zentrums Fliederlich zu den Anschlägen in Orlando. Vielleicht bin ich auch mit den falschen Leuten auf FB befreundet.

M. hat sich komplett zurückgezogen. Sie ist sauer gewesen, weil ich zu spät zum Fußballgucken kam und hatte nicht bemerkt, dass ich hinten im Raum saß. Ich habe ihr zwar erklärt, dass ich zwei Minuten nach Anpfiff da war und sie nicht gleich entdeckt hatte, aber es hat nichts genützt. Sie schweigt mit mir am Tisch. Das ist anstrengend und ich überlege, sie an zusprechen. Solche Situationen halte ich nicht besonders gut aus und möchte sie gern klären. Ich weiß aber, dass mein Anteil daran sehr gering ist. Ja, sie hat auf mich gewartet, aber dass es ihr im Moment schlecht geht, ist nicht meine Schuld und ich sollte nicht die Verantwortung übernehmen. Aber ich fühle mich schuldig, ausgegrenzt und unwohl.

Ansonsten hatte ich nur eine zweite Sporteinheit: Wassergymnastik. Während der erste Trainer es letzte Woche ruhig angegangen war, ließ diese Trainerin es ordentlich krachen. Fast bereute ich meine Nordic Walking Verabredung für den späten Nachmittag. Trotzdem war es gut, dass ich mich aufgerafft habe. Wir sind zu viert eine gute Stunde und 6 km unterwegs gewesen. Eine weitere Frau legte ein Mördertempo vor und ein anderer Mitläufer konnte das nicht halten. Am Anfang hatte ich den Impuls ebenfalls hinterher zu rennen. Nach dem Prinzip, so schnell bin ich schon lange. Dieses Konkurrenzdenken erwischt mich manchmal auch in den Bergen. Aber mir ging es heute um den Auslauf und die Bewegung. Ich blieb dann bei dem langsameren Mann. Das war die richtige Entscheidung und die zwei schnelleren Läufer warteten an Abzweigungen immer wieder auf uns. Trotz kleinerer Nieselschauer kamen wir gut durch die Runde und ich hatte am Ende den Kopf frei. So konnte ich das schweigsame Abendbrot gut überstehen.

In Bewegung gekommmen

Tag 7 Donnerstag

Gut geschlafen. Werde aber mit Kopfschmerzen wach. Im Liegen dröhnt mir der Schädel. Bin jetzt eine Woche hier und nichts hat sich daran verändert, dass ich ab und an mit Kopfschmerzen aufwache. Sehen wir es positiv: Zu mindestens liegt es nicht an der neuen Matratze zu Hause. Auch hier passiert es mir. Ich gehe zum Fitblock und hoffe, dass es mit der Bewegung besser wird. Manchmal klappt es. Heute nicht. Ich brauche eine Tablette. Das sind die Momente, in denen ich das Gefühl habe, zu kapitulieren. Eigentlich könnte ich es noch ohne aushalten, weiß aber, dass es nicht besser wird und später die Tablette nicht mehr die gleiche Wirkung erzielt.

Ich hatte dann noch einen Test zu meinen Verhaltensmustern im Psychologischen Labor. Das war eine schnelle Sache. Nach 12 Minuten war ich durch. Nachdenken hilft dabei nicht viel. Lesen, ankreuzen, weiterklicken. Das bringt die treffendsten Beschreibungen. Den Test kenne ich – vielleicht in einer veränderten Form. Morgen haben ich Einzeltherapie. Bin gespannt, ob die Ergebnisse des Tests auch Inhalt sein werden. Viele Fragen drehten sich um meinen Umgang mit Fehlern, der Suche nach Perfektion, dem Stellenwert von Arbeit und Ergebnis. Mir ging mir durch den Kopf, dass ich vor einem halben Jahr etliche Fragen noch anders beantwortet hätte. Wahrscheinlich die, die sich um meine Arbeit drehen. Der Stellenwert hat sich (schon) verändert. Darüber bin ich sehr froh. Ich kann deutlich besser Verantwortung abgeben. Die Arbeit und was gerade im Büro passiert, ist ganz weit weg. Ich verschwende keinen Gedanken daran. Das hat zum Glück auch schon immer gut im Urlaub funktioniert. Meinem Team habe ich eine kurze Nachricht geschrieben. Nette Antworten kamen zurück – alle mit der Botschaft: „Wir haben es im Griff, mach dir keinen Kopf.“ Das tut gut.

Anders sieht es mit Ergebnissen aus. Ich versuche immer möglichst alles und alles richtig zu machen. Nicht bis ich zufrieden bin, sondern andere. Es geht mir immer um die Anerkennung von außen. Meine eigene spüre ich nicht. Ist mir unwichtig. Aber wenn Kritik von außen kommt, geht sie ganz tief und beschäftigt mich unangemessen lange. Ich weiß um die Mechanismen, kann sie aber trotz Wissen nicht ändern. Gefühle sind immer schneller als Gedanken.

Um 13:00 Uhr gab es eine Nordic Walking Runde. Ich kam fast zu spät und hatte für mein Gefühl zu wenig Zeit gehabt, das Mittagessen zu verdauen. Die Einteilung habe ich dadurch nicht ganz mitbekommmen und fand mich in einer Gruppe von drei Männern und dem Sportlehrer wieder, die die XXL-Runde laufen wollten. Wurscht. Wird schon gehen. Ging auch. Das Tempo passte und ich bekam auch die Armbewegung aus der Schulter gut auf die Reihe. Einer der Mitläufer fing dann zu erzählen an und während der Runde offenbarte er mir seine ganze Spirale aus Höher, Schneller, Weiter der letzten Jahre, die ihn letztendlich in diese Klinik gebracht und seine Ehe gekostet hatte. Wow. Er war selbst überrascht, dass er so erzählen wollte und dass mir, jemanden den überhaupt nicht vorher kannte. Ich fand das aus mehreren Gründen faszinierend. Zum einen bestätigt es meine Vermutung, dass der Prozess des Laufens viel im Kopf in Gang setzt. So wie ich meine Gedanken damit sortieren kann, so konnte er plötzlich reden, während sein Körper mit Laufen beschäftigt war. Vielleicht sollte ich meine Idee mit Fortbildungen beim Wandern weiterspinnen. Zum anderen passiert mir es immer wieder, dass sich Menschen mir anvertrauen. Auch wenn ich das (noch) nicht (gut) kann, so sehe ich das mittlerweile als ein Geschenk. Ich sage fast nie etwas dazu. Frage kaum nach. Trotzdem erfahre ich viel und fast immer gibt es dabei Anregungen für mich. Durch die Darstellung des Mannes wurde mir klar, dass ich wirklich noch sehr früh bemerkt habe, dass es nicht mehr gut für mich und meine Umgebung ist, wie ich lebe und handle. Das habe ich bemerkt, bevor ich meinen Job und meine Familie verliere. Und das es möglich ist, mit jemanden zu reden, ich ihn nicht bewertet habe und es ihm sichtlich gut tat sich zu öffnen.

Wir haben eine weitere Laufrunde für Freitagabend vereinbart.