Immer noch Ich

Tag 20 Mittwoch

Arghh! Frühsport um 7:00 Uhr. Wird nicht besser mit mir. Das ist nicht meine Zeit. Erst recht nicht nach einem langen Fußballabend mit Bier. Ich habe mich trotzdem um 6:45 Uhr aus dem Bett gequält, um dann beim Eintreffen des Sportlehrers festzustellen, dass ich schon eine Unterschrift hatte. Der Trainer der Aquafitness hatte sich anscheinend am Vortrag vertan und beides abgezeichnet. Ich hätte liegenbleiben können ohne dass es aufgefallen wäre. Mist. Ich hätte natürlich auch einfach so schwänzen können. Aber das liegt mir nicht, da halte ich mich zu sehr an aufgestellte Regeln. Das gibt mir Sicherheit – auch wenn es mir gar nicht gut tut. Ich bin beim Frühstück vor Müdigkeit fast in den Teller gefallen. Das fiel schon meinen Tischnachbarn auf. Noch ein Lernfeld für mich.

Bis 9:00 Uhr hatte ich mich dann wieder einigermaßen auf der Reihe und ging in meine Einzeltherapiestunde. Meine Erfahrungen der gestrigen KBT-Einheit standen im Mittelpunkt. Das war richtig gut, bot es mir die Möglichkeit noch einmal mit einem Tag Abstand darüber zu reflektieren, wie ich mich verhalte. Warum achte ich so viel mehr auf andere als auf mich? Wie können meine Bedürfnisse und die meines inneren Kindes besser gehört und letztendlich auch befriedigt werden, so dass es nicht unglücklich oder schmollend in der Ecke sitzt? Es tat gut zu hören, dass ich mich sehr mutig meinen Ängsten, die mit Schuldgefühlen und Scham verbunden sind, gestellt habe. Vorsichtig probiere ich Verhaltensweisen aus, die ich vorher vermieden habe. Stück für Stück. Trotzdem tut es immer noch sehr weh, sich eingestehen zu müssen, dass ich mich jahrelang als nicht passend aber verantwortlich für die Situation der anderen gefühlt habe. Ob das wirklich so war? Kann ich nicht beantworten. Die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Meine Mutter würde es sicher ganz anders sehen. Meinen Vater, meine Großmutter kann ich nicht mehr fragen. Ich bin so traurig und verletzt über die Abwertung meiner Person, die ich komplett verinnerlicht habe. Als Kind war es überlebensnotwendig mir Zuwendung von außen zu holen, indem ich erspürt habe, was der andere gerade braucht oder von mir erwartet, weil diese Zuwendung nicht von alleine kam. Als Erwachsene ist es das nicht mehr so. Mein Ich darf einen deutlich größeren Raum einnehmen. Ich kann für mich selber sorgen, mich selbst wertschätzen. Kindheit ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Wie heißt der Titel des Buches von Ben Furman? „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“.

Aber es ist schwer. Gnädig mit mir umzugehen. Mit dem Mich-hinten-anstellen, habe ich auch eine machtvolle Position. Mir erzählen die Menschen viel. Ich versuche mit meinem Verhalten, Einfluss auf die Gefühle des anderen zu nehmen. Was ich von mir zeige, entscheide ich. Das ist manipulativ und definitiv nicht authentisch. Wahrscheinlich führt es auch oft dazu, dass sich Menschen von mir abwenden, weil sie mich nicht greifen können. Mit dieser Ablehnung beginnt dann der Kreislauf von vorn. Dabei funktioniert es ja nicht mehr. Das habe ich schon begriffen. Aber wie ändert man so manifestierte Verhaltensmuster? Mit Geduld. Ich weiß. Die habe ich aber nicht. Das sagte ich auch der Therapeutin und fragte, ob man es überhaupt je schaffen kann. Sie hat mich gelobt, wie reflektiert und weit ich doch schon bin, obwohl ich fast keine Therapieerfahrung habe.

Das hier gerade zu notieren, fällt mir richtig schwer. Lob zu erhalten und auch noch stolz darauf zu sein, ja es selbst ein Stück weit so zu sehen, das ist doch arrogant. Ein anderer, der das liest, denkt doch bestimmt… Stopp! Da ist dieser verfluchte innere Kritiker. Ich bin schon ein ganzes Stück vorangekommen. Ja, und ich bin reflektiert. Ja. Punkt. Die praktischen Übungen dazu folgen. Jetzt sollte ich dabei auch einmal innehalten, mich an dem Erreichten freuen und mich vielleicht auch mit irgendeiner Kleinigkeit belohnen, meinte die Therapeutin. Innehalten? Belohnen? Äh? Wie? Wofür? Praktische Übung: Sich selbst danken.

Also bin ich losgezogen und habe versucht, etwas Passendes zu finden. Es sind zwei Postkarten geworden. Eine davon wird das heutige Titelbild und beide Karten sind von der Künstlerin Sabine Mielke; Juniemond. Sie hat auf WordPress auch einen Blog www.juniemond.wordpress.com

Eigentlich wollte ich am Nachmittag eine größere Runde Walken gehen, hatte eine lose Verabredung, aber ich bin lieber unter meine Bettdecke gekrochen und habe ein wenig gedöst. Dafür hatte ich dann den Abendlauf auf die Burg und dort einen fantastischen Sonnenuntergang. Später kam der Burgwächter um die Flagge einzuholen und abzuschließen. Er hatte Lust zum Erzählen und so endete der Tag mit einer kleinen Anekdotensammlung aus der Region.

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Der schmale Grat

Tag 19 Dienstag

Ich – Ego. Ego ist nicht Egoismus. Authentizität ist nicht Arroganz. Aber was ist es dann? Mir ist es unglaublich schwer gefallen, das Ich-Bild zu verwenden, obwohl es mir für den heutigen Post als erstes in den Sinn kam. Mich in den Mittelpunkt zu stellen. Wer ist „Ich“? Wer bin ich? Was will ich?

Diese Fragen ploppten nach der Kommmunikativen Bewegungstherapie (KBT) auf. Heute war es die 3. Sitzung. Die erste hatte mich so überraschend mit meinen Themen Wut, Schuld und Scham konfrontiert, dass ich emotional aus den Latschen gekippt bin. In den zweiten Termin bin ich dann angespannt und ängstlich gegangen. Dankbar habe ich erlebt, dass der Kontakt zu mir und mit meinem Wohlbefinden keine erneute Achterbahn der Gefühle ausgelöst hat. Für dieses dritte Treffen empfand ich nur Neugier im Vorfeld und die Lust, mehr über mich zu erfahren. Nach dem befreienden Gespräch mit meiner Bezugstherapeutin letzte Woche und dem perfekten Wochenende zu Hause war ich voller Energie und offen für Neues.

Das Thema Konflikte und zwei Übungen dazu standen auf dem Programm. Die erste Aufgabe bestand darin, auf einem schmalen Grat unterwegs zu sein. Zwei Personen laufen auf einander zu und der Platz reicht nicht, um sich mit Abstand zu begegnen, so dass jeder sicher seinen Weg fortsetzen kann. Eine Option war das Gegenüber vom Grat zu schubsen, die andere Lösungsmöglichkeit bestand darin, gemeinsam – ohne Worte – im Kontakt an einander vorbei zukommen. Jemanden aus den Weg zu räumen, war weder für mich noch, soweit ich es beobachten konnte, für irgendjemand anderen eine Option. Am meisten Sicherheit empfand ich in den Begegnungen, die mit einem hohen Maß an Körperkontakt stattfanden. Keine große Überraschung eigentlich. Allerdings kann ich mich nicht gut umarmen lassen, wenn es mir nicht gut geht. Genau dann, wenn ich doch die Berührung und die damit verbundene Sicherheit am meisten benötige.

Noch interessanter war meine Beobachtung, dass ich mich zu den Personen, die ich als unsicher, schwächer eingeschätzt habe, nach der Begegnung umgedreht habe. Ich bin selbst ein Stück rückwärts gelaufen, um sehen zu können, wie der andere sicher seinen Weg fortsetzt. Dabei bestand durchaus die Gefahr selbst vom Grat zu fallen, denn den eigenen Weg konnte ich so nicht mehr im Blick behalten. Das ist mein Dilemma. Ich achte auf die anderen und viel zu wenig auf mich. In den Bergen ist das sich gegenseitig im Blick haben zwingend notwendig. Aber selbst da sollte man seine Schritte eigenverantwortlich lenken können. Beim Weg gelingt es mir, bei den Befindlichkeiten der anderen eher nicht. Auch nicht in den Bergen. So schön meine Alpenquerung im letzten Jahr auch war, dass ich die Unzufriedenheit und Erschöpfung meines Partners so intensiv wahrgenommen habe, hat erst enormen Frust, dann Wut in mir erzeugt und das gigantische Erleben 21 Tage über die Berge laufen zu können, deutlich geschmälert. Wie dämlich ist das doch? Ich möchte weiterhin wissen, wie es dem Gegenüber geht, aber mich nicht immer anpassen und verbiegen. Zumal gar nicht sicher ist, wie der andere darüber denkt.

Das hat mir die zweite Übung gezeigt. Wir sollten mit einem virtuellen Seil den anderen über eine gedachte Mittellinie ziehen. Unglaublicherweise kann man dabei ins Schwitzen kommen und meine ersten zwei Gegnerinnen hatten ähnlichen Spaß daran wie ich, in diesem Wettbewerb zu bestehen. Die dritte gab auf. Da blieb bei mir ein schales Gefühl. Die nächste habe ich gewinnen lassen. Nicht in dem ich aufgegeben habe, sondern weil ich daran gedacht habe, wie wenig selbstwirksam sie sich in den letzten Jahren erlebt hat. Ich wollte, dass sie sich gut fühlt. Ging komplett nach hinten los. Sie hat das gespürt und mich als die Person markiert, die es ihr deutlich zu leicht gemacht hat, damit hat sie sich abgewertet gefühlt. Pfff… Ich bin ein echter Fan dieser Therapieform geworden. Damit kapiere ich etwas. Ich darf auf mich schauen. Als erstes. Ich darf so sein wie ich bin. Als zweites. Wobei ich immer noch kognitiv an die Sache herangehe und die Gefühle ziemlich hinterher hinken. Nee. Das ist falsch. Die Gefühle sind schneller als die Gedanken. Meine Angst so zu sein, wie ich bin und damit Gefahr zu laufen, abgelehnt zu werden, hält noch den Geschwindigkeitsrekord. Aber die kleinen Erfahrungen so Stück für Stück, dass man mit einer konstruierten Fassade nicht authentisch sein kann und das Gegenüber so auch nicht ernsthaft in Kontakt mit mir kommt, lässt mich umdenken und mutiger werden.

ICH bin passend. Nicht auf jeden Menschen und nicht auf jede Situation. Aber das will ich vielleicht auch gar nicht mehr sein.

 

Halbzeitpause

Tag 15-17 Freitag-Sonntag

Die Therapiestunde am Donnerstag hat bei mir ein hohes Maß an Erleichterung und Lockerung hervorgebracht. Ich fühle mich frei(er) in den Gedanken und in meinen Muskeln. Zwar bin ich mir sicher, dass ich noch lange nicht durch meine Themen durch bin, aber ich habe deutlich mehr Kontakt zu mir und meinen Gefühlen. Das kleine Kind in mir hat seine Stimme wiedergefunden und Gehör erhalten. Ich habe das Gefühl, so braucht es sich dann nicht ganz so wütend und bockig in die Ecke zu werfen, wenn es Bedürfnisse anmeldet.

Der Freitag begann mit Frühsport (die drei üblichen Runden um den See), dann folgte ein Treffen in der Bezugsgruppe. Diesmal waren wieder drei neue dabei und wir hatten eine Vorstellungsrunde. Ich finde es immer spannend zu hören, aus welcher Situation heraus die Menschen kommen und auch zu erfahren, wie es den einzelnen nach den bereits vergangenen Wochen geht. Selbst wenn man sich schon zweimal vorgestellt hat, ist es interessant zu sehen, was der andere diesmal in den Mittelpunkt seiner kurzen Worte stellt. Ein Thema einbringen mag ich nicht. Jedenfalls noch nicht. Mir schwirrt zwar was im Kopf herum, dass ich mir als Fragestellung für die Runde vorstellen kann, aber noch mag ich nicht. Muss ich auch nicht.

In der kompetenzorientierten Ergotherapie habe ich Aquarellbuntstifte ausprobiert und war begeistert. Meine bisher in Schwarzweiß gezeichneten Muster mit Farben zu füllen, war ein echtes Flowerlebnis und die 60 Minuten sind wie im Rausch vergangen. Danach habe ich meine Sachen für Zuhause zusammengepackt. Mein Mann würde doch locker bis zum Abendbrot brauchen, bis er mich abholen käme, also drehte ich noch eine kleine Runde mit V. auf die Burg. Wenigstens ein bisschen Auslauf. Die Wolken hingen tief und der Wind war sehr böig, aber die 4 km machten Spaß und die Wartezeit verging schneller.

Dann ging es endlich nach Hause. Ich saß die Rücktour am Steuer und genoss das Autofahren. Es tat so gut, meinen Mann, meinen Sohn und mein Zuhause wiederzusehen. Allen geht es gut. Mein Mann schafft das Familienleben zu managen – auch wenn dann keine Zeit für anderes bleibt. Welch‘ Überraschung. Meinem Sohn geht es gut. Er freute sich sehr, mich zu sehen. Ich mache mir schon oft Gedanken, wie er Themen aufnimmt, was ihn trifft, was er vielleicht unerwartet locker nimmt. Er ist ähnlich dünnhäutig wie ich, aber nun war er entspannt drauf und freute sich auf das Wochenende. Das tat mir unendlich gut. Ich muss mir keine Sorgen machen. Das ist auch ein Lernweg für mich. Ich sollte mehr im Hier und Jetzt sein. Sorgen kann ich mir machen, wenn eine bedenkliche Situation eingetreten ist. Aber nicht vorher. Mein Garten grün und blüht. Allen meinen Blumen geht es gut. Sie werden liebevoll versorgt. Der Kater begrüßte mich lautstark und verbrachte die Nacht neben meinem Kopf. Da liegt er eigentlich nie. Anscheinend hat er in meiner Abwesenheit das Kopfkissen okkupiert. Ob er einfach die Gunst der Stunde genutzt hat, weil ich ihn nicht verscheuche oder ob ich ihm fehle, keine Ahnung. Mein Mann lässt ihn gewähren. Vielleicht ist er auch ein wenig einsam.

Am Samstag spielte Udo Lindenberg im Stadion seine „Panik-Tour“ und ich war mit meiner Freundin zum Konzert. Die neuste Scheibe vom Altmeister des deutschen Rock „Stärker als die Zeit“ besticht durch ihre offenen und ehrlichen Texte. Er legte schon 2015 in Berlin eine Mördershow hin und spielte auch diesmal 2 ½ Stunden durch ohne Pause. Der einzige Tribut an sein mittlerweile 70jähriges Alter, war ein Kniekissen, wenn er sich theatralisch auf die Bühne fallen ließ. Es war gigantisch und bewegend. Sogar das Wetter spielte mit, wir blieben trocken. Ich habe mir noch ein T-Shirt gekauft mit dem Aufdruck: „Eine muss den Job ja machen.“ Das sehe ich durchaus mit einem Augenzwinkern. 2012 habe ich Udo wieder entdeckt – auch in einer Phase, in der es mir nicht so gut ging. Damals war „Ich mach‘ mein Ding“ meine Hymne geworden. Leider habe ich zwischendrin diese Idee aus den Augen verloren und mich damit auch ein Stück. Ich habe mich viel zu sehr damit beschäftigt, was der oder die anderen von mir vermeintlich wollen. Dieses Gefühl für alles verantwortlich zu sein, (etwas) schuldig zu sein, ist ein Allmachtsgefühl aus der Kindheit. Irgendwie bin ich dabei noch nicht erwachsen geworden. Mittlerweile sollte ich wissen, dass kein Mensch alles in der Hand hat oder haben kann.

Der Sonntag begann sehr entspannt mit Ausschlafen und einem langen Frühstück. Wir hatten einen ruhigen Tag und mein Mann besiegt mich (wie immer) im Tischtennis. Ich widerstand den Verlockungen zum Aufräumen, Unkrautjäten, Putzen und blieb im Gastmodus. Das war sehr angenehm. Bis auf ein wenig Papierkram und meine Wäsche habe ich den Haushalt Haushalt sein lassen. Geht doch. Ben war bei seinem Freund, kam dann zum Abendessen zurück. Gemeinsam genossen wir ein leckeres Hühnchen und dann starte ich mit meinem Auto zurück in die Rehaklinik. Lust hatte ich keine. Mir geht es gut im Moment. Ich habe keinerlei Rückenschmerzen und das Gefühl, mir deutlich näher gekommen zu sein. Die Rückfahrt verlief schnell und ohne Stau. Kurz vor der Ankunft in der Klinik hatte ich um 21:30 Uhr einen phänomenalen Sonnenuntergang am Horizont und Udo lief die ganze Zeit auf voller Lautstärke im Auto.

Ich trag dich durch die schweren Zeiten

So wie ein Schatten werd ich dich begleiten

Ich werd dich begleiten, denn es ist nie zu spät

Um nochmal durchzustarten

Weil hinter all den schwarzen Wolken

Wieder gute Zeiten warten.

(U. Lindenberg)

Hinter der Fassade

Tag 14 Donnerstag

Ich habe mich heute getraut in der Einzeltherapie über meine Wut, meine Trauer und meine Schuldgefühle zu reden. Augen zu und durch. Egal was die Therapeutin davon hält. Die Angst und Scham bewertet zu werden, kann nicht mehr schlimmer werden. Sie lähmt mich, sie blockiert mich. Mir begegnen hier so viele Verdränger und Halbleichen. Das ist meine Chance einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Den Kreislauf aus Schuld, Scham und kopfloser Verantwortungsübernahme zu durchschauen und irgendwann auch zu durchbrechen. Genau hinzusehen, wann das innere Kind mit seinen Bedürfnissen das Steuer übernimmt und mich als Erwachsene hilflos im Regen stehen lässt. Es war ungeheuer anstrengend. Meine Nacht war eh zu kurz, das Frühstück rutschte nicht und die heißgeliebte Hydrojetmassage blieb wirkungslos. Selbst als ich vor der Tür der Psychologin saß, war ich mir nicht sicher, ob ich mich öffnen würde. Es war schlimmer als jede Prüfungssituation.

Fazit: Sich zu öffnen hat sich gelohnt. Ich habe mich angenommen, ernstgenommen und bestärkt gefühlt. Ich weiß genauer, was mir fehlt oder gefehlt hat. Wie ich das bekomme und ob ich es überhaupt noch einmal erhalten kann, dass weiß ich nicht. Aber ich komme in den Kontakt mit mir und ich sehe eine echte Chance, meine Stärken wieder zu finden. Eine Rückführung in Bilder und Orte meiner Kindheit hat nicht funktioniert. Soweit bin ich (noch) nicht. Vielleicht ist es auch nicht mein Weg. Ich kann mich viel eher über die Bewegung öffnen und in Kontakt mit meinen Gefühlen kommen.

Daher tat mir die Nordic Walking Runde am Mittag auch richtig gut. Wir waren in hohem Tempo 80 Minuten unterwegs. Danach hatte ich allerdings wenig Zeit zum Ausruhen und es ging direkt mit Entspannungsübungen weiter. Ein hohes Risiko dabei einzupennen hatte nicht nur ich. Neben mir schnarchte es lautstark. Im Anschluss gönnte ich mir noch eine halbe Stunde Dösen im Bett. So sollte ich fit sein für den Fußballabend. Zumindest die erste Halbzeit will ich später mit ein paar Leuten außerhalb der Klinik auf einer Großleinwand gucken. Außerdem hätte ich gern ein Bier dazu – nach 15 Tagen Abstinenz. Das habe ich mir zur Feier meines Mutes verdient.

Schlaflos – Zwischen den Welten

Tag 13 Mittwoch

Kann nicht einschlafen, dann kann ich auch den Post noch fertig schreiben. Herumwälzen im Bett bringt nichts. Lässt mich nur grübeln. Über den morgigen Tag. Ich habe wieder eine Einzeltherapie und will die Themen Wut, Schuld, Trauer ansprechen. Wobei die Schuld und die damit verbundene Scham im Vordergrund für mich steht. Das kann ich nämlich wunderbar – mich (fremd)schämen. Egal ob es bei meinem Mann, nach einem Bier beim ihm zu viel, ist oder der oberpeinliche Auftritt irgendeines Deppen im Fernsehen (der das meist freiwillig macht und auch noch Geld dafür kassiert). Ich halte das nicht gut aus. Dann möchte ich am liebsten im Erdboden versinken und erst wieder auftauchen, wenn die Situation vorbei ist. Auch wenn ich Fehler mache, geht es mir so. Ich bin mit dem Satz aufgewachsen: „Das macht man nicht. Was sollen die Leute davon denken?“ Das hätte ich morgen gern als mein Thema. Die Therapeutin will mich in meine Kindheit zurückführen. Ich soll mich an eine Erfahrung erinnern und sie will das begleiten.

Heute war eher ein ruhiger Tag. Ich konnte lange schlafen und hatte um 10:00 Uhr Passive Musiktherapie. Wir haben mehrere Tänze aus dem Nussknacker von Tschaikowsky gehört. Bilder hatte ich dazu keine, auch keine tiefgehenden Gefühle. Vielleicht sollte ich diese Therapieform abwählen. Ich habe mich nicht einmal besonders gut entspannt. Mein Rücken fand die Lage auf dem Boden doof und schmerzte weiter. Das Rückenproblem habe ich auch in der Chefarztvisite angesprochen. Man bot mir Schmerzmittel an. Nun gut, die habe ich auch selbst dabei. Eine manuelle Massage habe ich nicht bekommen aber meine Fangopackungen werden ausgeweitet.

Am frühen Nachmittag hatte ich meine erste Klangschalen-Entspannung. Das war eine geniale Erfahrung. Die Dame hat uns mit ihrer angenehmen Erzählstimme erst auf eine kurze Traumreise geschickt und uns dann die Schalen auf den Bauch gestellt und zum Schwingen gebracht. Die Resonanz spürte ich tief in mir. Kurz nach der Sitzung habe ich keine Veränderung bemerkt. Meine Nachruhezeit war leider sehr kurz, da ich noch eine Geräteeinweisung für den Fitnessraum im Anschluss hatte, aber später waren meine Rückenschmerzen weg. Komplett weg und das Ganze ohne eine Tablette. „Faszinierend.“, wie Mr. Spock sagen würde.

Die zu knappen Übergänge zwischen den einzelnen Anwendungen habe ich heute auch in der Visite beklagt. Morgen werde ich daher einen Termin ausfallen lassen. Der schweißtreibende Fitblock würde nahtlos in die Therapiestunde übergehen, das mache ich nicht mit. Ich soll hier auch lernen auf das zu schauen, was mir gut tut oder eben auch nicht. Bisher habe ich alle Maßnahmen mitgemacht, ich halte mich schon an die Spielregeln aber Eigenverantwortung habe ich auch.

Meine Jungs zu Hause waren heute zu einer Schweigeminute für die Opfer von Orlando. Ich wäre gerne bei ihnen gewesen. Sie haben mich per WhatsApp einbezogen. Aber dabei sein ist etwas anderes. Mein Mann hat sie begleitet – auch ohne mich. Damit habe ich nicht gerechnet. Es hat mich riesig gefreut, dass er es getan hat. Wir müssen ein Zeichen setzen gegen Homophobie. Öffentlichkeit ist wichtig. Gerade als Eltern sollten wir zeigen, dass wir stolz auf unsere Kinder sind. Mein Herz ist heute zu Hause und ich freue mich auf das Wochenende.

Was tut mir gut?

Tag 12 Dienstag

Was hat der Tag mir gebracht? Vor allem Rückenschmerzen. Meine Schultern und mein Nacken sind frei. Dafür tut mir jetzt das Kreuz weh. Das kann ein Ergebnis des Fitnesstrainings vom Montag sein. Ich denke aber, es ist eher eine Verschiebung der Anspannung zumal meine linke Hand zittert. Das ist eigentlich ein deutliches Zeichen für zugeknallte Muskeln. Früh um 7:00 Uhr stand Sport auf dem Programm. Drei Runden schnelles Gehen oder Laufen um die Teiche im Kurpark. Morgens ist das nichts für mich. Ich bin da müde und schlechtgelaunt. Mein ganzer Biorhythmus ist der einer Eule. Ich kann problemlos abends noch lange wach sein oder auch arbeiten. Aber bitte lasst mich ausschlafen. Mein Leben zwingt mich zum Aufstehen vor 6 Uhr. Aber es ist nicht meine Zeit. Hier kann ich oft länger schlafen aber spätestens 6:30 Uhr werde ich einmal kurz wach. Soweit habe ich mich doch umgewöhnt. Allerdings kann ich schlecht vor 23 Uhr einschlafen. Damit kippe ich in meinem regulären Leben unter eine Schlafzeit von sieben Stunden und das reicht eigentlich nicht. Ich muss zu Hause an einer Lösung basteln.

Um 9:00 Uhr hatten wir Bezugsgruppe. So richtig kam diese nicht in Schwung. Es fand sich kein Thema für alle. Das war nicht wirklich tragisch, stand doch für mich und einige andere danach die Kommunikative Bewegungstherapie (KBT) auf dem Programm. Davor hatte ich nach der Erfahrung der letzten Woche richtig Schiss. Angst macht auch Anspannung und ich habe es wirklich in jeder Faser meiner Muskeln gemerkt. Wieder sagte mir der Therapeut auf den Kopf zu, dass er mir die Wut ansieht. Diesmal hat es mich nicht so getroffen. Vielleicht weil es nicht unerwartet und so neu war. Vielleicht auch, weil ich noch ein anderes Thema spüre. Schuld. Ich fühle mich ständig schuldig. Bisher habe ich es immer gedacht, ich fühle mich verantwortlich, aber ich fühle mich schuldig. Das ist etwas anderes. Viel tiefergehender. Deutlich wurde es für mich an meiner Beziehung zu M. hier. Die ganze Zeit habe ich den Impuls mich bei ihr für mein Zuspätkommen am Fußballabend zu entschuldigen. Weil ich hoffe, es geht ihr dann besser und sie geht wieder in den Kontakt mit mir. Aber es geht ihr aus ganz anderen Gründen schlecht. Das zeichnete sich schon vor dem verpassten Treffen ab. Ich habe mich bisher nicht entschuldigt. Und hoffe, dass ich dabei bleiben kann. Beim Abendessen habe ich dann Smalltalk betrieben. Das ging und reichte aus.

In der KBT stand das Thema „Wohlbefinden“ auf der Agenda. Wir sollten nach der Anwärmphase einen Ort im Raum suchen und uns in eine Position bringen, die für uns mit Wohlbefinden verbunden ist. Mein erster Impuls war, mich in eine abgegrenzte Ecke unter eine Liege zu legen. Dann erschien mir der Parkettboden aber deutlich zu hart für meinen Rücken. Ich habe mich dann auf die Liege gelegt in eine Nische, die vor den anderen abgeschirmt war. Mit Decke und Kissen. Am liebsten hätte ich geheult, wie am Freitag nach der Einzeltherapie. Zusammengerollt auf der Seite liegend, meine Trauer zugelassen und mich getröstet. Da hatte ich mich wohl und geborgen gefühlt. Wie geht Wohlbefinden mit dieser Situation zusammen? Meine Themen bleiben Wut, Schuld und Trauer. Trotz riesiger Angst vor dem was mir begegnen kann, würde ich gern mit diesem Therapeuten an den Themen weiterarbeiten. Er lässt nicht locker. Ihm könnte ich nicht ausweichen. Bei meiner zuständigen Psychologin bin ich mir nicht sicher, ob ich so in die Tiefe käme. Sie hat mir zu schnell Lösungen parat.

Nach der Therapie war die Post da und so auch ein Buch, das ich auf Empfehlung der Bezugstherapeutin (obwohl sie es nicht gelesen hat!?) bestellt habe: Ben Furman „Es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit zu haben“. JA!!! Mich beschleicht hier immer wieder der Verdacht, dass das Wühlen in der Vergangenheit eine Spirale nach unten ist. Ich sehe was alles für mich suboptimal gelaufen ist und kriege Panik ihm Hinblick auf mein weiteres Leben und meine zukünftigen Handlungen. Jetzt müsste ich langsam die Kurve bekommen und auf meine Ressourcen schauen können. Was sind meine echten Stärken? Was kann ich gut? Woher ist diese Kraft? Was hat mir geholfen und was hilft mir in Zukunft? Ich lese gerne. Ich laufe gerne. Ich steige gerne auf Berge. Ich höre gerne Menschen zu. Menschen erzählen mir viel über sich. Ich schreibe gerne. Tagebuch führe ich seit 32 Jahren. Ich schreibe nur die Sachen auf, die mich intensiv beschäftigen. Gut so. Das ist mein Ventil und es funktioniert. Wenn ich allerdings lese, was ich notiert habe, dann wirkt mein Leben wie eine Aneinanderreihung von emotionalen Katastrophen. Was es nicht ist. Als Gegenspieler habe ich seit Mitte Januar eine separate Tagebuchversion unter der Überschrift „Das war heute gut“. Es gibt wirklich jeden Tag etwas, das gut für mich war. Sogar mehr als eine Sache. Am Anfang war es schwer sich darauf zu konzentrieren. Mittlerweile ist es eine liebgewonnene Routine.

Für den späten Nachmittag hatte ich mich für eine Kräuterwanderung angemeldet. Dachte ich jedenfalls. Als ich pünktlich in der Eingangshalle stand, war niemand da. Leicht irritiert wartete ich fünf Minuten, um dann den Aushang zu studieren. Es standen 10 Leute auf der Liste. Hm. Allerdings für Mittwoch, nicht für Dienstag. Was jetzt? Meine Nordic Walking Verabredung hatte ich wegen der Kräutertour gecancelt. Ich entschied mich für einen weiteren Ausflug zur Burg. Auf dem Weg dahin war die alte evangelische Kirche offen. Von dort stammt das heutige Bild. Auf der Burg war ich lange Zeit allein und genoss den Wind, die dichten Wolken und die Aussicht über das weite Land. Später gesellte sich ein älterer Eifler dazu und wir hatten eine nette Plauderei über seine Reisen. Diese kleinen Begegnungen mit Menschen mag ich sehr.

(sich) Selbst bewusst sein

Tag 8 Freitag

Der Tag begann mit der Chefarztvisite. Hm. Außer dass ich danach das dringende Bedürfnis zum Lüften verspürte, da er intensiv nach Schweiß roch, kann ich nicht viel darüber berichten. Er fragte ebenfalls nach meinen Zielen für diese Reha. Sie sind unverändert. Ich möchte merken, wenn ich in Stress rutsche und gegensteuern können und ich möchte meine Verspannungen in den Griff bekommen. Grundsätzlich bin ich nach einer Woche jetzt hier angekommen und fühle mich im weitesten Sinne wohl.

Heute stand ebenfalls Wiegen auf dem Programm. Was soll ich sagen? Das Gewicht ist unverändert. Wie (fast) alle Frauen würde ich wahnsinnig gern die 40+Kilos wieder loswerden. Leider bin ich da wirklich anfällig und habe jedes Jahr über 40 ein Kilo mehr auf die Hüften bekommen. Meine Hoffnung war, dass ich mich auf dieser Kur kohlenhydratarm ernähren kann. Geht leider überhaupt nicht. Dafür ist das Büfett zu arm an Salaten und die Mittagessen zu sehr Hausmannskost. Dabei hängt im Gang ein großes Plakat zur gesunden Ernährung mit mediterraner Küche. Das ist echt ein Witz. Das Essen ist Sparprogramm. Trotzdem nasche ich abends nicht, esse höchstens noch Obst und habe mittlerweile seit 10 Tagen keinen Alkohol getrunken. So lange habe ich wahrscheinlich seit der Stillzeit von meinem Sohn nicht pausiert. Das Glas Rotwein oder ein Bier zum Grillen gab es in den letzten 10 Jahren schon häufig. Eigentlich gefiel mir das nicht. Aber es war auch ein lieb gewonnenes Ritual ab und an am Abend oder zum Wochenende etwas zu trinken. Hier vermisse ich es nicht. Alkohol ist in der Kurklinik verboten. Außerhalb ist es natürlich möglich, niemand würde es kontrollieren. Aber für mich ist es ein Versuch und ein gutes Gefühl, dass es problemlos geht und ich nicht klammheimlich in eine Abhängigkeit gerutscht bin. Mit dem ganzen Sportprogramm zusammen, fühle ich mich auch weniger schlabberig und aufgedunsen. Und dann zeigt die Waage genau das gleiche Gewicht. Bis auf die Kommastelle. Aber pah, ich lasse mir doch nicht von einer Waage sagen, wie ich mich fühle! Ich fühle mich wirklich leichter und fitter.

Komme gerade aus der Bezugsgruppe. Thema war heute: Wie oute ich mich? Wem sage ich wann und was über meine psychische Erkrankung? Ich habe es auf Arbeit nicht thematisiert. Mich hat auch niemand gefragt. Sicherlich trauen sich die Kollegen auch nicht mich direkt anzusprechen. Aber habe ich nicht die Verpflichtung meinem Team gegenüber und auch eine Vorbildwirkung? Aber ich verliere doch etwas. Das Bild, das ich von mir habe. Das ich von mir nach außen zeige. Ich war die, die immer alles geschafft hat. Meine Brustmuskeln sind bretthart. Meine Hände zittern. Mein Körper zeigt mir ganz klar, hier ist dein Problem. Dieser Blog ist ein Weg des Outings. Natürlich schreibe ich ihn für die meisten Menschen anonym. Ich werde ihn auch nicht auf meinem Facebookprofil posten. Aber ich kann ganz bewusst entscheiden, wem ich den Link schicke. Mittlerweile erhalten ihn immer mehr Menschen in meinem Umfeld. Nicht alle lesen den Blog. Bisher kommentiert auch niemand. Aber ich habe es in der Hand, wem ich was über mich sage. Die Reaktionen darauf sind nicht vorhersehbar. Die Angst ist natürlich da, für einen Psycho gehalten zu werden. Aber das sind auch meine Bilder im Kopf. Meine Bewertungen.

Heute Nachmittag hatte ich dann den von Dienstag verschobenen Einzeltermin bei meiner zuständigen Psychologin. Wir haben das Thema Selbstbewusstsein aufgegriffen. Sich seiner Selbst bewusst sein. Dann finden auch die Gefühle den richtigen Platz und ich kann sie (wieder) freilassen, muss mich nicht verspannen. Selbstbewusstsein bedeutet nicht mit Ellenbogen durch die Welt zu gehen. Ich konnte sehr offen mit der Therapeutin reden. Sie hat mir Empfehlungen für die Ausrichtung meiner Therapie zu Hause gegeben. Ich werde Zeit benötigen und Geduld haben müssen. Die Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend nur über Leistung Zuwendung zubekommen und oft den Ansprüchen nicht genügt zu haben, kann ich nicht einfach vom Tisch wischen. Vergeben, vergessen, verzeihen – geht leider nicht. Meine heftige Reaktion auf den Therapeuten in der Kommunikativen Bewegungstherapie hat sie zum Anlass genommen, den Vorschlag zu machen, dass ich bei ihm in Zusatzstunden gehe. Das macht mir Angst. Diese Stunde hat mich viel Kraft gekostet. Aber ich kann immer klarer benennen, was meine Erfahrungen zum Thema Zuwendung, Anerkennung und Liebe waren und wie ich mich sehe. Die Fragebogenauswertung hat ergeben, dass ich keine Depression habe und keine psychotische Störung. Na immerhin etwas. Die anderen Baustellen reichen.

Später lag ich auf meinem Bett, mein Monster im Arm und habe das kleine, ziemlich traurige Kind in mir getröstet. Mir fehlen mein Mann und mein Sohn so unendlich. Am liebsten wäre ich liegengeblieben. Aber meine Verabredung zum Nordic Walking stand und die Bewegung tat mir gut.